Der Tod des Ritters Molina
Der Johannes Moser von Maienfeld, gewöhnlich nur der Geiger Hans genannt - es spielte nämlich keiner, von Ilanz bis Davos, die Geige so schön wie er -, hatte dem gestrengen Ritter Molina wieder einmal den fälligen Zins zu bringen in das Herrschaftshaus Salenegg.
Der alte Caleb, des Ritters Kammerdiener und Kellermeister, führte ihn die Treppe hinauf in seines Herrn Wohnstube. Dort pflegte der alte Ritter für gewöhnlich einsam und allein zu sitzen, seitdem ihn das böse Zipperlein in den Gliedern zwickte und er nicht mehr den Degen schwingen konnte wie vordem. Neben ihm am Boden auf einem Kissen sass ein grosser hässlicher Affe, Tristram geheissen, eine abscheuliche Bestie, die ihre Bosheit an allen Leuten ausliess. Der Geiger Hans grüsste und legte den Geldbeutel auf den Tisch mit den Worten: «Ihr werdet alles in Ordnung finden, Herr Ritter.» «Caleb, nimm den Geiger Hans mit hinunter und gib ihm ein Glas Wein, du weisst schon von welchem, dieweil ich das Geld nachzähle, und die Quittung schreibe», brummte der Ritter und winkte sie hinaus.
Kaum aber standen der Geiger Hans und der Caleb auf dem Flur, da vernahmen sie einen Schrei, so gell, dass es einem durch Mark und Bein ging, und die Mauern des Hauses schienen in ihren Grundfesten zu wanken. Das war des Ritters Stimme. Der Caleb lief zurück, der Geiger Hans, vor Schreck am ganzen Leibe lottelnd, hinter ihm drein, und von allen Seiten stürzten die Bedienten herbei. Aber der Ritter schrie unablässig einmal über das andere: «Hölle, Hölle, Hölle! - Flammen, Flammen, Flammen!» und es war ein Lärm und Geläuf und Durcheinander, dem Geiger Hans ward es ganz sturm im Kopf, er vergass Geld und Quittung und rannte die Treppe hinab auf und fort; er hat nicht einmal seine Beine gespürt. Wie er auf die Gasse trat und sich vom Hause entfernte, liess auch der Lärm alsgemach nach. Aber bald ging’s von Haus zu Haus: der Ritter Molina sei gestorben.
Der alte Caleb, der seine Kammer neben dem Saale hatte, wo des Ritters Leiche aufgebahrt lag, bat den alten Marugg, den Hausknecht, inständig, dass er mit ihm die letzte Nacht bei dem Herrn wache; denn seitdem der tot liege, ertöne jede Nacht das silberne Pfeifchen, das Zeichen, dass er im Bett gekehrt sein wolle, aus Beschwer des Zipperleins. Er getraue sich jedoch nicht mehr, allein zu dem toten Herrn zu gehen und ihn zu kehren, ob er gleich recht tot sei.
Die beiden Alten setzten sich also in Calebs Kammer, tranken schweigsam ihren Wein und wachten, sie`s Sitte und Brauch ist in einem Sterbehaus. Aber um Mitternacht ertönte richtig das silberne Pfeifchen, so scharf und schneidig wie nur je. Zitternd erhoben sich Caleb und Marugg und schlichen mit schlackernden Knien nach dem Saale. Schau, da brannten flackernd die Kerzen, der Tote sass aufrecht im Sarge, und der Affe hockte fletschend und bleckend daneben. Dem alten Marugg vergingen die Sinne bei dem Anblick, und er fiel um, keines Lautes und keiner Bewegung mehr mächtig. Es war ihm nur, als höre er draussen vor dem Hause eine Kutsche übers Pflaster rollen, das Haustor sich öffnen und schwere schlurpende Tritte die Treppe heraufstapfen, näher und immer näher den Gang herkommen, bis an die Saaltüre. Es pochte hart an. Dann sah er, wie der Ritter aus dem Sarge sich erhob und grässlich ächzend und seufzend zur Türe schritt, neben ihm vorbei, und verschwand. Erst, als am Morgen das erste trübe Zwielicht durch die Scheiben schien, vermochte Marugg aufzustehn. Und bei Gott! Der Sarg war leer. Aber zwei Schritte davon lag die Leiche des armen Caleb mit schreckverzerrtem Antlitz am Boden.
Die Leute freilich glaubten nichts anderes, als dass der Marugg von Sinnen sei, als sie vernahmen, was geschehen war. Aber als am Begräbnistag der Leichenzug eben zum Schlosstor heraustrat, öffnete sich oben am Turm plötzlich ein Fenster, und heraus beugte sich das wachsbleiche Totengesicht des Ritters, der mit heiserer Stimme die Träger fragte, ob sie schwer hätten. Viele hundert Menschen sahen den Spuk, und nun mussten alle zugeben, ob sie mochten oder nicht, dass es da nicht mit rechten Dingen zugehe, und es ward ein grosser Lärm davon im ganzen Lande.
Darnach trat Hektor, des Ritters Sohn, die Erbschaft an und beschied, rückständige Zinsen einziehend, auch den Geiger Hans vor sich. Dem half es aber nichts, dass er beteuerte, das Geld seinerzeit richtig abgegeben zu haben; der Caleb habe es ja selber noch gesehen, und der Ritter habe halt nur die Quittung nicht mehr ausfertigen können bei seinem jähen Tod. Und bald kamen der Junker und der Geiger Hans in einen heftigen Wortwechsel. «Wo glaubt ihr denn, Geiger Hans, dass das Geld sei?» «In der Hölle, Herr, bei Eurem Vater samt seinem silbernen Pfeifchen!» rief der Geiget Hans, und zur Türe hinaus und fort, indess der Junker, rot vor Zorn, nach Ammann und nach Weibel schrie.
Der Geiger Hans kehrte in seinem Zorn im Wirtshaus der Stini Fausch in der Clus ein, liess sich ein Glas Bränz geben, leerte es in zwei Zügen und brachte diesen Trinkspruch aus: dass der Molina im Grabe keine Ruhe finden solle, bis dem Geiger Hans sein Recht geworden sei, und auf die Gesundheit des bösen Geistes, wenn der ihm zu seinem Gelde oder zu der Quittung verhelfe. Dann ritt er spornenstreichs heimwärts, auf das Zinsgütlein, das er von Molina gepachtet hatte. Unlang, so gesellte sich ein unbekannter Mann zu Pferde zu ihm, allem nach ein Fremder. Aber es war schon so finster und neblicht, dass er den Reiter nur wie einen Schatten sah, und das Pferd trat so leise auf, dass er’s kaum hörte. Er kam mit dem Manne ins Gespräch, und wie so ein Wort das andere gab, erzählte er ihm auch den ganzen Handel mit dem Ritter und dem Junker.
Dem Geiger Hans war’s unterdessen, als müsse der Weg jetzt dann bald aufwärts gehen, Seewis zu. Aber so sehr war er von dem Gespräch benommen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass sie bei der «dunkeln Buche» kehrt gemacht hatten, den gleichen Weg zurückgeritten waren und längst wieder Malans und Jenins im Rücken hat- «Ja ja, den Molina, den alten Racker, den kenn ich gut!» sagte mit eins der Fremde und lachte gell auf, «der ist jetzt mein Diener und ich sein Herr. Kommt mit, er soll euch heute noch die Quittung geben.» «Ja, lieber heut als morgen!» rief eifrig der Geiger Hans. Wenn ich nur die Quittung bekomme oder mein Geld, so geh ich, mein Seel, bis an die Pforten der Hölle und noch einen Schritt drüber!»
Wiederum lachte der Fremde laut auf, trieb seinen Gaul an und fort ging`s durch die stockfinstere Nacht, bis die Pferde vor dem Tore eines grossen Hauses schnaubend stehen blieben. Hätte der Geiger Hans nicht gewusst, dass es nicht sein konnte, er hätte geschworen, es sei Salenegg. Sie ritten in den Hof, da wimmelte es von Pferden, Kutschen und Bedienten. Die Vorderseite des Hauses war hell erleuchtet. Aus dem Innern tönten Trompeten und sangen Geigen. Da wurde gebechert und gefestet, wie dann und wann zu des Ritters Lebzeiten es geschehen war. Sie stiegen ab, und der Geiger Hans band sein Ross, deuchte es ihn, an denselben Ring, an den er es allemal angebunden, wenn er mit dem Zins nach Salenegg gekommen. «Gott», dacht der Geiger Hans bei sich, «vielleicht hat mir alles nur geräumt, und der Ritter lebt und ist wohlauf!» Er sah sich nach dem Fremden um, der aber war samt seinem Pferde verschwunden.
Jetzt klopfte der Geiger Hans ans Haustor, und siehe da - wie immer öffnete ihm der alte Caleb und redete ihn an: «So, so seid ihr auch da, Geiger Hans! Der Herr hat soeben nach euch gefragt.» Und wieder war’s dem Geiger Hans, als wie im Traum; er gab sich einen Ruck und fragte: «Sag, Caleb, lebt ihr denn noch? Ich dachte, ihr wäret gestorben.» «Abbah, wenn ich euch raten darf, kümmert euch nicht um mich», erwiderte der Caleb, «sondern habt zu euch selber Sorge, nehmt von niemandem etwas an, auch von mir nicht, weder Essen, noch Trinken, noch Geld! Einzig eure Quittung, dürft ihr nehmen.» Und mit diesen Worten führte der Caleb den Geiger Hans über Treppen und Gang in die wohlbekannte Stube mit dem Eichengetäfer und ringsum an den Wänden Ahnenbilder und alten Waffen, Schilde, Helme und Schwerter samt den prächtigen Spiegeln in schweren Goldrahmen. Dort ging es toll her, alles war taghell erleuchtet vom Scheine der Kerzen. Weindunst schlug ihm entgegen. Ein Geräusch von vielen Stimmen, Klingen von Bechern, Gerassel der silbernen Tischgeräte tönte aus der halbgeöffneten Tür. Der Caleb stiess sie auf: beschienen vom Lichtglanz des Kristallleuchters sass da am Tische eine glänzende Gesellschaft in Festkleidern und Staatsgewändern. Auf dem Tisch stand das Prunkgeschirr, Pokale, Krüge und Kannen aus gediegenem Silber und Gold. Seltsam! - unter der langen Reihe der Gäste, meist hohe ritterliche Gestalten, mit finsteren Stirnen und dunkelglühenden Augen, erkannte der Geiger Hans manch alten Bekannten. Dort sass der alte Schauensteiner, dort der karge Brügger, hier der blutige Baldiron, dort der wilde Robustelli, Hans Peter Guler, Jürg Jenatsch im roten Rock mit weissem Spitzenkragen und viele andere noch. Auch unter denen, die nicht am Tische sassen, sondern in Gruppen an der Wand anstanden, kannte der Geiger Hans nicht wenige, so den frevelhaften Bosca, den Gerichtsweibel von Thusis, den man im Volke nur den Teufelsranzen hiess, ja, sogar unter den Dienern, die da kamen und gingen, sah er die wohlbekannten Gestalten längst Verstorbener. Die Herren schwenkten die mächtigen Pokale und tranken einander zu mit derben Scherzen, und lauter und lauter schwirrten die Reden hin und her, und es war ein Lärm, dass man sein eigen Wort nicht hätte hören können. Plötzlich gebot Molina mit Donnerstimme dem Geiger Hans zu ihm hinzukommen. Da sass der Ritter in seinem schweren Lederlehnstuhl, die Füsse ausgestreckt, mit Flanelldecken umwickelt, die schweren Halfterpistolen vor sich auf dem Tisch, das grosse Schlachtschwert an den Stuhl gelehnt - alles just so wie ehedem im Leben. Nur der Affe, der Tristram war nicht da, bloss das Kissen, auf dem er sonst gehockt. Wie der Geiger Hans zu dem Ritter hintrat, hört er eben einen der Gäste fragen: «Ist denn der Tristram noch nicht da? » Ein anderer antwortete: «Der Affe wird kommen, wenn der Tag anbricht.»
«Nun», sprach der Ritter zum Geiger Hans, «hast du mit meinem Sohn über den Pachtzins abgerechnet?» Dem Geiger Hans wollten die Worte im Halse b’stecken, aber er brachte doch hervor, der Junker wolle ohne Quittung sich nicht zufrieden geben. «Nun wohl, Geiger Hans, so spiel uns eins auf, aber schön! Dann sollst du die Quittung erhalten», erwiderte der Ritter. «Und du, Caleb, du Teufelsbrut, gleich bring dem Hans die Geige, die ich für ihn aufbewahrt habe!» Der Caleb kam mit der Geige. Aber der Geiger Hans bemerkte gleich, dass der Hals von Stahl und ganz glühend war. Er nahm die Geige nicht. «Herr Ritter», sagte er, «nichts für ungut, aber mir ist ganz sturm im Kopf, ich kann jetzt nicht spielen.» «Nun gut, so iss und trink mit uns! Denn es ist nicht bekömmlich, um diese Stunde nüchtern zu sein.» «Ich danke, Herr Ritter für die Freundlichkeit, aber nochmals nichts für ungut, ich bin nicht gekommen, um zu essen und zu trinken, sondern um die Quittung zu holen. Und die gebt mir jetzt, damit die Sache endlich in Ordnung kommt.» Da fletschte der Ritter die Zähne vor Wut wie ein Eber und schrie: «Da hast du deine Quittung, du erbärmlicher Wicht, und das Geld, das liegt im Katzenwinkel.» «Ich danke euch, Herr Ritter, und wünsche in Gottes Namen Eurer Seele Ruhe und Frieden und selige Urständ », sagte der Geiger Hans und schoppte das Papier in den Tschopen. Aber kaum hatte er das Wort « Gottes» ausgesprochen, da rauschte draussen tosend ein Sturm durch die Bäume und brauste gegen das Haus. Ein gewaltiger Windstoss stiess ein Fenster auf und löschte alle Lichter aus. Und ein Getöse entstand, dass dem Geiger Hans Hören und Sehen verging. Flüche, Stimmengewirr, Befehle, Tritte stolperten allerorten durcheinander, Mäntel rauschten, Degen klirrten und Sporen. Pferde wieherten, Kutschen rasselten und rollten mit Donnergepolter davon. Der Geiger Hans hörte noch, wie die Uhr drei schlug. Da fiel er wie vom Schlag getroffen zu Boden und hatte Atem und Bewusstsein verloren.
Wie er wieder zu sich kam, lag er auf dem Friedhof zu Maienfeld neben dem Grabmal des Ritters Molina, und ruhig weidete sein Pferd neben den beiden Kühen des Pfarrers. Der Geiger Hans hätte alles für einen Traum gehalten, aber was war das? - in seinem Tschopen stak die Quittung, schön geschrieben und von dem Ritter eigenhändig unterzeichnet.
Ganz benommen und beklommen von den Erlebnissen dieser Nacht verliess der Geiger Hans den Totenhof und schritt im Morgennebel, sein Ross am Zügel führend, Salenegg zu. Und so sehr klopfte ihm das Herz, dass ihm war, als fielen alle Bäume und Häuser über ihn. Als er vor den Junker trat, rief dieser ihm entgegen: «Nun, habt ihr euch besonnen, Geiger Hans, und bringt mir den Zins?» «Das nicht, Herr, aber eures Vaters Quittung darüber. Seid so gut und sehet nach, ob sie richtig ist.» «Was, meines Vaters Quittung! Du Galgenvogel! du wirst deswegen doch nicht gar in der Hölle gewesen sein? Also mach’s kurz Bursche, oder ich verklag dich beim Gericht wegen übler Nachrede, verstehst du.» Doch kam der Junker bald wieder in sachteren Trab, als ihm der Geiger Hans die ganze Geschichte Wort für Wort von Anfang bis zu Ende erzählte. Wie er fertig war, schaute der Junker betroffen drein und sagte ganz ruhig: «Hört, Hans, ist eure Geschichte wahr, so wird auch das Geld sich an dem angegebenen Orte finden. Aber wo in aller Welt mag nur dieser Katzenwinkel sein? Aber das sag ich euch: Findet sich das Geld, dann gut und wohl, sonst aber ergeht’s euch übel, denn die Sache betrifft viele angesehene Geschlechter im Lande, und die verstehen keinen Spass mit ihrer Ehre.» «Herr», erwiderte der Geiger Hans, «wir wollen den alten Marugg fragen, er kennt jeden Winkel im Schloss, und sicherlich auch den Katzenwinkel.»
Man fragte den Alten, und der sagte: ja, von jeher habe der oberste Teil des Turmgebäudes der Katzenwinkel geheissen. Längst sei der Ort unbrauchbar, nur eine Leiter führe vom Turmestrich hinauf. «Da will ich auf der Stelle hinauf!» rief der Junker, nahm - der Himmel weiss, warum - eine von den Pistolen seines Vaters und eilte nach dem Turm. Er klomm die halbmorsche Leiter hinauf und betrat den finsteren Verschlag. Da fuhr fauchend und fräsend etwas auf ihn los, dass er schier rücklings hinabgestürzt wäre. Dem Junker ging unversehens die Pistole los, und Marugg und der Geiger Hans, die unten standen und die Leiter hielten, dass der Junker nicht falle, hörten mit dem Knall einen grässlichen Schrei. Da warf der Junker auch schon den Körper des Affen Tristram herab. Dann kam er selber mit dem Geldbeutel herunter. Es war also der Affe gewesen, der das Geld verrobet hatte. Und nun war also seine Zeit auch gekommen, wo er zu Seiten seines Herrn seinen alten Platz auf dem Kissen wieder einnehmen sollte.
Dann führte der Junker den Geiger Hans in die Wohnstube, redete ihm zu und entschuldigte sich, dass er ihn so hart angelassen, und versprach, ihm künftig ein gütiger Herr zu sein. Er trug die Quittung ins Zinsbuch ein und erliess dem Hans sogar einen Teil von dem nächstfälligen Zins. Auch gab er ihm eine neue Quittung. Die des Ritters aber warf er ins Feuer. Aber seltsam, diese Quittung verbrannte nicht, sondern flog durch den Schornstein hinauf, knisternd und zischend und Funken sprühend, und pfupfte und pfuste wie eine abgebrannte Rakete.
Der Geiger Hans aber nahm von dem Tage an ein ganzes Jahr seine Geige nicht mehr zur Hand, und nie mehr hat er eine Halbe nach der andern hinter die Binde geschüttet; denn er musste immerfort an den Ritter Molina denken.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch