Das Gesicht der Magd
In der guten alten Zeit war es noch nicht der Brauch, dass die Knechte und Mägde auf ihren Laubsäcken ebenso lang in den Tag hineinschliefen wie die gestrengen Herrschaften in ihren Federbetten. Auch hielt man nicht eine Magd für das Hauswesen und eine zweite, um das Vieh zu besorgen, sondern beide Gewerbe wurden von einer und derselben versehen, so gut und so schlecht es eben gehen wollte.
So wurde es auch in dem Hause eines ehrbaren und wohlweisen Ratsherrn zu Leuk gehalten: Die Magd versah das Hauswesen, und darüber machte sie sich jeden Morgen beim ersten Hahnenschrei auf den Weg nach der Suste, um allda das ruhende Vieh aufzutreiben, zu füttern und zu melken.
Lange Zeit wanderte so die treue Magd alle Morgen unverdrossen von Leuk nach der Suste und wieder zurück. Wie sie aber einmal in der Temperzeit wieder vor Tau und Tag, da die Sterne hell noch funkelten am nächtlichen Himmel, mit brennendem Lämpchen und sauber gescheuertem Eimer eben über die Rhonebrücke ging, hörte sie von der Schlucht her plötzlich einen Lärm wie Hufschlag und Rossegewieher, ein Klirren und Rasseln von Waffen. Und wie sie in der Richtung ausschaut und lauscht, deucht sie Getöse lauter und lauter durch den Illgraben daher zu brausen, schon entsteigen dem Bette des Ill kohlschwarze Hengste mit fliegenden Mähnen. Im schwachen Schein ihres Lichtes sieht sie im Sattel schwarzgewandete Herren mit weisser Krause, Dreispitze auf den Häuptern, an der Seite silberne Degen an prächtigen Ledergehängen, und goldene Sporen an hohen Stulpenstiefeln. Und wie der wilde Tross daherjagt, stieben unter den glühenden Hufen der Rosse Funken aus den Felsen und den geblähten Nüstern entsprühen Feuergarben. So hart ging ein Luftzug, dass das Lämpchen erlosch und die Magd sich an der Brückenlehne festhalten musste, um nicht weggeschleudert zu werden. Und fort ging die Jagd über die Brücke, bog in die alte Landstrasse ein und war im Handkehrum hinter Felsen und Gesträuch verschwunden. Das letzte Pferd aber, eine Stute weiss wie Schnee, hält einen Augenblick bei der Magd, und die erkennt das Reitpferd ihres Herrn. Aber ehe sie sich recht besonnen, ist es weg, den andern nach. Kein Sterbenswörtlein von allem hat die Magd gesagt, als sie heimkam, denn sie fürchtete, die gescheite Herrschaft möchte sie darob nur auslachen.
Am andern Morgen um dieselbe Zeit brauste an derselben Stelle der seltsame Zug abermals an ihr vorüber. Da aber nahm sie alle Kraft und ihren ganzen Mut zusammen und fasste den letzten Reiter, der wiederum vor ihr hielt, fest ins Auge und erkannte - das Herz stand ihr einen Atemzug still - ihren Herrn.
Wie sie heimkam, trat sie vor ihren Herrn und fragte: «Um Gottes und aller Heiligen willen, sagt mir, Herr, wo seid ihr heute früh gewesen? Ihr seid mir auf der Rhonebrücke begegnet.» Der Herr aber lachte und schüttelte den Kopf: «Ei, ei, Crescenz», sprach er, «was kommt dich an? Um die Stunde lag ich noch tief in den Federn. » Da erzählte die Magd alles, was sie gesehen, und beschrieb aufs genaueste den Mantel und die Kleidung des letzten Reiters. Der Herr sass stumm und hörte zu und ward bei jedem Worte blässer. Doch sagte er lächelnd, denn er wollte um alles nicht zeigen, dass er die Sache glaube, und seinen Schrecken verbergen: «Hör, Crescenz», sagte er, «solches Blendwerk erweist sich durch die Probe allemal als Trug. Tu nur, wie ich dir sage: Nimm morgen eine Schere mit, und wenn die Erscheinung sich dir wieder zeigt, so schneide dem letzten Reiter einen viereckigen Blätz aus dem linken Mantelzipfel, wickle ihn fest um die Schere und bring ihn mir mit.» Am dritten Morgen ging alles wie die andern Male. Und als das hinterste Pferd vor der Magd hielt, schnitt sie geschwind dem Reiter einen viereckigen Blätz aus dem linken Mantelzipfel, wickelte ihn fest um die Schere und schoppte ihn sorglich in die Jüppe und lief schnurstraks heim, ohne erst das Vieh besorgt zu haben.
Der Herr erwartete sie längstens voller Ungeduld schon unter der Tür. Wortlos reichte ihm Crescenz den Blätz hin. Er ging damit weiss wie die Wand, zur Kleiderkammer, wo sein Ratsherrenmantel sorglich aufgehoben war. Unlang, so kam der Mann schwanken Schrittes wieder aus der Kammer hervor. Sein braunes Haar war grau geworden. Noch am selben Tage legte er sein Amt als Ratsherr nieder. Er ging in sich und tat Busse. Bald darauf ist er gestorben.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch