Der Geissbub im Vonöischi
Der Geissbub von Leuk hütete, wie gewohnt, seinen Fasel Geissen im Pfynwald, aber die Donners Chätzer wollten ihm heut auch gar nicht recht tun, sie liefen ihm nach allen Seiten auseinander ins Holz und Gesträuch, dass er bald keinen.Schwanz mehr sah und herumlaufen musste und pfeifen und johlen und schmeicheln und streicheln zub zub! läck läck!, bis er sie wieder beieinander hatte. Müde legte er sich zur Mittagszeit unter eine weitästige Föhre am Bach, ass sein Brot und was ihm die Mutter sonst etwa noch mochte in seinen Sack getan haben, sog an seinem Mittagsgeissli und schlief während der Schwüle, indes die Herde sich um ihn lagerte und ebenfalls ruhte. Gegen Abend trieb er die Tiere, munter blökend und fröhlich glöckelnd mit runden Bäuchen und vollen Eutern heim gen Leuk. Aber o heie! - als er sie überzählte, dass er sehe, ob er die Zahl voll habe, da fehlte ihm das Duglörli, eine kohlschwarze Geiss. Das machte ihn wild. Nein, dachte er, das Teufelstier mag bleiben, wo es ist. Ich lauf mir die Zehen nach ihm wahrlich nicht noch besonders ab. Doch da fiel ihm ein, dass diese Geiss ja die einzige Milchkuh eines armen alten Mütterchens sei. Und da machte er sich denn in Gottesnamen noch beim sinkenden Abend auf, die verlorene Geiss zu suchen.
Einsame Vögel flatterten matt und müde über ihm her, und grossen Schmeissfliegen sumsten um ihn herum. Er durchirrte rastlos den schattendunkeln Wald und kletterte in den Felsentobeln der Vonöischi herum. Es ging so eng und gäh und zickzack zu zwischen Klippen und Blöcken durch, dass er weder obsi noch nidsi sehen konnte und oft auf allen Vieren kriechen musste, und er rief das Geisslein immerfort beim Namen. Aber wie zärtlich er auch rief und lockte, kein Gemecker antwortete ihm. Der Abendluft rauschte in den ächzenden Föhren, und schwarz brach die Nacht herein. Den Buben packte das Grauen, und er rannte, so schnell ihn seine Füsse trugen, heimwärts. Er stolperte über Steine und Wurzeln, glitschte im feuchten Moos, fiel, sprang wieder auf und eilte weiter. Aber plötzlich stand gäh eine Fluh vor ihm auf, schier wäre er drangerannt. Er fuhr zurück. Aber ehe er sich’s versah, waren Weg und Wald und Wand verschwunden. Ein grosses Tor tat sich vor ihm auf, und er trat, er wusste nicht wie, über die Schwelle, und da befand er sich mitten in einer grossmächtigen Küche, wo viele Mägde hantierten. Am prasselnden Feuer ward da gesotten und gebraten, und schweigsame Köche drehten den Bratspiess. Würzige Düfte entstiegen den Pfannen und Kesseln und beizten dem Geissbuben die Nase, so dass ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Oh, wer von dem Essen kosten dürfte! dachte er bei sich. Aber der Oberkoch wies ihm finsteren Blickes eine zweite Tür. Der Bube klopfte und trat ein und kam in eine weitgewölbte Halle. Kein Licht schien in dem unermesslichen Raum, aber es war eine Helle wie von Mondenschein. An einem langen steinernen Tische in der Mitte sassen in langen Reihen dicht gedrängt, stumm und ernst schwarz gewandete Herren mit langem Haar und wallenden Bärten, darunter ihnen schwere Goldketten auf die Brust herabfielen, wie glühende Kohlen funkelten ihnen die Augen unter düsteren Brauen hervor. Zuoberst an der Tafel sass ein würdiger Greis. Traurig ging sein dunkles Auge von einem zum andern. Die sassen ohne Regung und wortlos und schienen zu warten. Da öffnete sich die Flügeltüre und herein trugen Diener eine schwere Truhe. Die ward aufgeschlossen und ein grosses Bund von Pergamentrollen daraus entnommen und dem Alten oben am Tische gereicht. Der nahm sie und las eine nach der andern mit dumpfer einförmiger Stimme vor in einer Sprache, die der Hirt nicht verstand, indes die andern mit glühenden Federkielen in fliegender Eile auf zerfetzten Akten schrieben, ohne aufzublicken, fort und fort. Es brennen die papierenen Fetzen, die Hände brennen bis auf die Knochen durchglüht, aber kein Papier raschelt, und die Federn kratzen nicht. Unter dem Tische lag mit offenem Maule, zähnebleckend, ein grimmiger schwarzer Hund. Die Augen glühten wie Eisen in der Esse, und sein Schnauf war ein Flammenhauch.
Der Bub stand ganz vergelstert und starrte und staunte mit weit offenen Augen. Da wandte sich plötzlich einer von den Herren zu ihm und sprach mit matter Stimme, indem er auf eine lange Reihe prächtiger Betten zeigte, die der Wand entlang standen: «Du wirst müde sein. Geh leg dich schlafen.» O das muss herrlich sein, einmal in einem solchen Bette zu schlafen, statt auf dem harten Laubsack dachte der Bub. Aber da sprach der unterste am Tisch: «Steck zuerst deinen Stock unter die Decke!» Der Bub ging hin und tat’s. Aber wie er ihn wieder herauszog, war das Eisen glühend, und der Schaft brannte lichterloh bis an den Knopf. «Jesus Maria!» schrie er laut auf. Da tat’s einen Donnerschlag und dröhnte und toste, und ein Gebrüll und Gewimmer erscholl, dass den Buben schauderte, als wenn der Gletscherbach über ihn flösse. Aber da rauschte der Wind in den Föhren, und über ihm flimmerten hoch am Himmel die Sterne, und neben ihm steht hell glöckelnd die schwarze Geiss und meckert ihm fröhlich zu. Dann liefen beide, der Bub und die Geiss, heimzu, so schnell sie konnten.
Den Buben aber packte in derselben Nacht noch ein hitziges Fieber, und nach dreien Tagen war er tot.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch