Der Sattler-Franz
Unweit von der Stadt Bern wohnte vor Zeiten ein Sattler, kurz und gut der Sattler-Franz genannt, aber manche hiessen ihn auch bloss den schlimmen Franz, denn er war ein seltener Meister im Betrügen; Wer mit ihm zu tun hatte, war, wie die Leute sagten, schon im Sack, oder er steckte ihn hinein bis über die Ohren. Er hatte ein so enges Gewissen, man hätte mit einem Heufuder dadurch fahren mögen; er meinte nämlich: Betrug ist keine Untat sondern eine Gewandtheit, und Gewandtheit ist keine Hexerei. Und dennoch gab man ihm Aufträge. Die Welt will halt eben betrogen sein. Und so, wie es damals war, so ist es auch heutzutage noch.
Handwerk hat goldenen Boden, sagt ein altes Wort, aber der Sattler -Franz legte es auf seine Weise aus und meinte, es heisse: je mehr Tück, desto besser Glück. Sein Geschirr und Sattelzeug war gar schön für’s Aug und prächtig verziert, und das gefiel den Leuten, denn die Leute lieben den Schein - aber schlecht gearbeitet aus schlechtem Zeug. Das Lederwerk hielt kaum vom Morgen bis zum Abend Das merkten nun freilich die Leute über kurz oder lang, ob sie wollten oder nicht, aber die meisten waren gezwungen, doch wieder zu ihm zurückzukehren, weil sie ihm schuldig waren; denn der Franz lieferte auf Borg, er wusste schon, warum. Wäre es nur beim Schaden geblieben, so hätte man sich am Ende darein schicken können trotz allem Ärger und Verdruss, und wohl auch noch den Spott mit in Kauf genommen. Denn auch Lebenserfahrungen bekommt man nicht geschenkt, sie wollen bezahlt sein, und mitunter gar teuer. Aber das war nicht alles, es gab Ungefäll aller Art und böses Unglück: Zugtiere nahmen Schaden, ja fielen zu Tode, weil an steilen Hängen plötzlich das Geschirr riss.
Da kam einstmals des Bischofs Hofkaplan aus dem Wallis über die Grimsel geritten. Sattel und Zeug seines Maultieres waren auch beim Sattler-Franz gekauft. Wie er über die häle Platte ritt da strauchelte das Tier ein wenig, fiel jedoch nicht. Aber von dem Ruck zerrissen Sattelgurt und Steigbügelriemen und der arme hochwürdige Herr stürzt köpflings in die Tiefe, bricht sich Arme Hals und Beine und verscheidet auf dem Fleck, so dass er grad noch Zeit hatte, seine Seele Gott zu empfehlen und den schlimmen Franz zu verwünschen. Der aber lachte nur, als er nach zwei Tagen die traurige Zeitung vernahm, und sagte: «Wer nicht reiten kann, soll sein Rösslein lieber im Stalle lassen und zu Fuss gehen. Es ist seine eigene Schuld, und es geschieht ihm ganz recht.
Aber am dritten Tage abends spät, als er aus der Schenke bezecht nach Hause ging, da war ein wüster Sturm; der Wind wehte, und es war ein Brausen, Heulen und Zischen und Brüllen, man hätte meinen mögen, die Hölle hätte alle Tore aufgetan. Da ward`s dem Sattler-Franz denn doch unheimlich zu Mut, wie hoch er seinen Hut auch trug, und er machte Beine, um schleunigst unter Dach zu kommen. Aber just unter der Haustür fiel ihm ein Ziegel auf den Kopf und schlug ihm den Schädel in Scherben, als eben die Uhr Mitternacht schlug.
Seit jener Zeit schweift ein grosser roter Fuchs im Gelände herum und lässt den Schwanz lampen; der schleicht bis in die entlegensten Höfe, wo er den Bauern im Winter Pferdegeschirr und anderes Lederzeug aus den Stallungen fortschleppt und in den Tobeln und Grächen verbirgt.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch