Die schöne Mengietta
Es war einmal ein Bauer, der hatte eine Tochter, die war so über alle Massen schön, dass sie von den Leuten nur die schöne Mengietta genannt wurde. Eines Tages grub ihr Vater an einem Rain und fand eine goldene Glocke, die war aber ohne Schwengel. Mengietta, die ihm eben z’Marend brachte, beschaute die Glocke und sagte: « Sieh nur, Vater, wie prächtig diese Glocke ist, aber es ist Sünd und Schad, dass sie keinen Schwengel hat.» Und dann überlegten sie beide lange miteinander, was sie auch mit der Glocke machen wollten. Zuletztamend deuchte es sie das Beste, die Glocke, da sie aus Gold sei, dem König zu schenken. Und der König, der hatte die grösste Freude an der schönen goldenen Glocke. Aber nachdem er sie lange von allen Seiten beschaut hatte, sagte er: «Wie prächtig ist diese Glocke, aber es ist Sünd und Schad, dass sie keinen Schwengel hat.» Darob wunderte sich der Bauer und sprach: «Genau das hat auch meine Tochter gesagt: ,Es ist doch Sünd und Schad, dass sie keinen Schwengel hat.'» Der König erwiderte: «Ja, wenn du eine Tochter hast, die so klug ist, dass sie dieselben Worte sagen kann, wie der König, so soll sie morgen auf mein Schloss kommen, weder nackt, noch bekleidet, weder zu Ross, noch zu Fuss, weder bei Tag, noch bei Nacht. Vermag sie das, dann will ich sie zu meiner Frau machen, und sie soll Königin sein, sonst muss sie sterben.»
Der Bauer erschrak zu Tode, als er das hörte, denn er glaubte, dies bringe kein Mensch zuwege, und er kam ganz verstört nach Hause. «Ei, Vater», sagte Mengietta, die eben unter der Tür stand, «du machst auch ein Gesicht, als hättest du Spinnhoppeln kauen müssen.» «Ach, Kind», sagte der Bauer, «man diene grossen Herren wie man wolle, so ist’s nicht recht getan und Undank der Lohn, und Könige haben gar lange Arme», und er erzählte ihr, was der König gesagt hatte. «Oh Vater», rief Mengietta, «wenn’s anders nichts ist, was der König begehrt, dann magst du ruhig schlafen. Dazu braucht’s weiter keine Kunst.»
Nach Mitternacht stand Mengietta auf, bestrich sich am ganzen Leib mit Honig und wälzte sich in den Flaumfedern ihres Betts, zog über den einen Fuss einen Strumpf, an den andern einen Schuh, holte die Geiss aus dem Stall und machte sich auf den Weg. Wie sie aber in die Nähe des Schlosses gekommen war, da legte sie ihr rechtes Bein über den Rücken der Geiss, gerade als wenn sie ritte, mit dem andern aber ging sie auf der Erde, und kam dergestalt bei Morgengrauen zwischen Tag und Nacht an das Schlosstor, halb geritten, halb gegangen, weder nackt, noch bekleidet.
Der König stand am Fenster und sah sie kommen. «Ei, dieses Mädchen scheint wahrlich klüger zu sein als alle andern Frauen» dachte er bei sich, und zu Mengietta sagte er: «Willst du mich zum Manne, so nehme ich dich und keine andere zur Frau. Nur musst du mir versprechen, dass du dich nie in meine Sachen mischest und mir nicht zuwiderhandeln willst.» Ein König freit nicht alle Tage um unsereinen, dachte Mengietta, und überdies ist er gar hübsch und fein, und so ward sie des Königs Frau.
Eines Tages nun ritt der König mit seinem Gefolge auf die Jagd. Da trafen sie einen Bauern an, der betreute eine Kuh, die eben gekalbt hatte. Neben ihm stand ein anderer Bauer mit einem Esel und schalt und schmähte. Der König fragte, warum sie denn so stritten. Der Bauer mit der Kuh antwortete: «Wie ihr sehet, hat meine Kuh eben gekalbt, und nun behauptet mein Nachbar, sein Esel habe das Kalb gemacht, und es gehöre rechtens ihm und nicht mir. Jetzt sprecht, Herr König, wer von uns beiden hat recht?» Der König hat sich die Sache eine Weile überlegt, dann hat er dem Manne mit dem Esel recht gegeben. Der Bauer aber gehub sich übel, klagte und schalt.
Nach einer Weile kam die Königin an jener Stelle vorüber. «Ei», sprach sie, «was ist dir denn, guter Mann, dass du so jammerst und zeterst?» Da erzählte er ihr, der König habe seinem Nachbarn recht gegeben, der behauptet habe, sein Esel habe das Kalb gemacht. Die Königin sagte: «Hör, aber sag keinem Menschen ein Sterbenswörtlein davon, wer dir den Rat gegeben hat; tu, was ich dir sage: Nimm ein paar Fische, grab im Boden ein Loch, und leg sie hinein. Dann nimm einen Stecken, rühr damit in der Grube, und sage dazu: `Schwimmt, Fischli, schwimmt!` Dann wird der König fragen: Seit wann schwimmen Fische im Trockenen? und du antwortest: `Seit die Esel Kälber machen!`» Und wirklich, der König ist gekommen. «Seit wann schwimmen Fische im Trockenen?» fragte er. «Herr, seit Esel Kälber machen», antwortete der Bauer. Das nahm der König über die Massen wunder. «Gut», sagte er, «das Kalb sei dein. Aber bei deinem Kopf, sag mir, wer hat dir den Rat gegeben?» Der Bauer versuchte zuerst zu leugnen, zuletzt aber musste er doch mit der Sprache heraus, und er sagte, die Frau Königin selber sei`s gewesen.
Als der König heimkam, sagte er zornig: «Frau, weisst du noch, was du mir vor der Hochzeit versprochen hast? Du hast dein Wort nicht gehalten. Und heute noch verlässest du das Schloss und gehst dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Aber weil ich dich lieb habe, so darfst du mit dir nehmen, was dir am liebsten ist.» «Nun, ich muss wohl nach deinem Willen tun», antwortete Mengietta, «aber lass uns zuerst noch miteinander zu Nacht essen.» Das war dem König lieb und recht. Aber wie sie zu Tische sassen, schenkte ihm Mengietta den Becher voll Wein, darein sie einen starken Schlaftrunk gemischt hatte. Und unlang, da war der König auf seinem Stuhl eingeschlafen, und so fest schlief er wie ein Stock. Da hat ihn Mengietta in einen Sack gesteckt und heim in ihr Haus zu ihrem Vater getragen. Der schüttelte zwar den Kopf, als sei den Sack ablud, und er brummte in seinen Bart: «Jesses, Kind, das kommt nicht gut!» Wie er aber hörte, was geschehen war, sagte er nichts mehr und half ihr den König ins Bett legen.
Die Sonne schien weit auf die Diele herein, als er erwachte. Er rieb sich die Augen und wusste zuerst nicht, wo er wäre und wie ihm geschehen sei. Da erblickte er seine Frau. «Was bist du noch immer hier!» sagte er. «Ja, wo sollte ich sonst sein», erwiderte sie, als daheim bei meinem Vater, wie du befohlen hast?» «Aber was aller Welt hab ich hier zu schaffen?» begehrte der König auf. «Hast du mir nicht erlaubt, das mit mir zu nehmen, was mir das Liebste sei? Und was ist mir lieber als du? So hab ich dich mitgenommen», sagte Mengietta. «Ich sehe wohl, du bist klüger als ich, und du sollst hinfort in allen Sachen mein erster Ratgeber sein» sagte der König, und sic kehrten miteinander ins Schloss zurück.
Seit jenem Tage haben sie immer in Eintracht und Frieden gelebt - ich aber habe sie nicht mehr gesehen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch