Der Meisterdieb
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, rechtschaffene, wackere Bauersleute, die ihr kärgliches Gütlein fleissig bestellten. Die hatten einen einzigen Sohn. Der aber war ein Tunichtgut und trieb lieber allerlei lose Streiche, statt zu arbeiten und seinen Eltern an die Hand zu gehen. Und eines Tages blieb er aus und war verschwunden; niemand konnte sagen, was aus ihm geworden war.
Das aber war so zugegangen: Der Bursche, dem es daheim bei den alten Eltern schon lange verleidet war, hatte ohne Abschied den Weg unter die Füsse genommen, um aufs Geratewohl in die weite Welt zu wandern. Als er nun ein gut Stück Weges gegangen war und mitten in einem grossen Forste sich befand, da trat plötzlich ein bärtiger Mann auf ihn zu, einen blanken Dolch in der Faust und sagte. «He du, steh still! Geld oder Blut!» «Jä so», antwortete unser Bursche unerschrocken, «meinst du! Dasselbe wollte ich grad zu dir sagen.» «Nun wohl», sagte da der Mann und stiess den Dolch in die Scheide, «komm mit, ich will dich zu den Unseren führen.» Und er schritt ihm voraus durch Dickicht und Unterholz, bis sie zu einer Höhle kamen in einer überhängenden Fluh, wo die Bande hauste. «Hör», sagte da der Hauptmann zu ihm, «du musst drei Proben bestehen, ehe wir dich als unseren Gesellen annehmen. Morgen ist Markttag in dem nächsten Städtlein. Bring uns die schönste. Kuh, die dort feilgeboten wird. Aber wenn dir dein Leben lieb ist, so lass dich nicht erwischen, denn die machen kurzen Prozess mit unsereinem.» «Soll geschehen», sagte der Bursche, «und sorget euch nicht um mich», und begab sich nach der Stadt. «Der kommt nicht wieder!» sagten die andern, «der ist noch ein Neuling in unserem Fach.»
Auf dem Markte besah sich der Bursche gemächlich alles Vieh und hielt Ausschau nach der schönsten Kuh, fleissig die Preise erfragend, bis er heraus hatte, welche Kuh für die wertvollste galt. Die liess er nicht mehr aus den Augen. Nach einer Weile kaufte sie ein älterer Bauer, der war von seiner Tochter begleitet, und die beiden gingen mit dem Tier davon. Der Bursche ging unbemerkt hinter ihnen drein, und kurz, ehe sie zu einer Lichtung im Walde kamen, lief er voraus und hängte sich zum Schein an einem Baume hart am Wege auf. «Sieh nur, Vater», sagte da die Tochter, «sieh dort den Gehenkten!» «Ach, was schert der uns! Lass hängen, was hängt! Komm, wir gehen weiter», erwiderte der Alte und trieb die Kuh an. Kaum waren sie vorüber, knüpfte der Bursche sich los, lief wieder ein Stück voraus und hängte sich an einem andern Baume auf. Und wieder sagte die Tochter: «Sieh nur, Vater, sieh dort ist schon wieder ein Gehenkter!» «Ach, was schert der uns! Lass hängen was hängt! Komm, wir gehen weiter», sagte wieder der Alte. Gleich knüpfte der Bursche sich wieder los und hängte sich ein kleines Stück weiter wieder an einen Baum. «Nein, Vater, schau nur», rief das Mädchen, «da hängt schon wieder einer.» «Ach», sagte der Vater, du siehst doch, dass es immer derselbe ist.» «Nein, das glaube ich nicht», antwortete die Tochter. «Nun wohl, wer nicht glauben will, mag selber sehen», sagte der Vater, band die Kuh an den Baum und ging mit dem Mädchen zurück zu dem vorigen Baum. Da liess der Galgenstrick sich von seinem Ast herab, band die Kuh los und machte sich mit ihr davon quer durch den Wald — und, meiner Seel! als die beiden, der Vater und die Tochter, zu dem Baume zurückkamen, da war von ihrer Kuh keine Spur mehr zu sehen weit und breit.
Der Dieb aber hatte die Kuh geradeswegs nach der Höhle zu den Räubern geführt. Die lobten ihn gar sehr und der Hauptmann sagte: «Nun für den Anfang war das gar nicht schlecht. Aber wir haben noch eine Aufgabe für dich, die sollst du morgen vollbringen: Ein Viehtreiber wird mit sechs fetten Ochsen hier vorbeikommen. Die musst du ihm abnehmen und hierherbringen. Aber sieh zu, dass es dir gelingt, sonst bist du des Todes!» «Nichts leichter als das»,sagte der Bursche, «aber gebt mir zehn Fünfliber, dann soll`s nicht fehlen.» Sie gaben ihm das Geld, und er machte sich anderntags in aller Frühe auf, um dem Viehtreiber aufzulauern. Als er ihn kommen sah, liess er einen Fünfliber vor ihm auf den Weg fallen, so dass er so recht in die Augen stach. Dann ging er ein wenig weiter und liess wieder einen fallen und so fort, bis der Weg bei einem Wäldchen einen Rank machte. Dort versteckte er sich im Gebüsch und wartete, bis der Viehtreiber kam. Der war es müde, immer wieder seine Trift anzuhalten, um sich nach den Silberstücken zu. bücken. Er band seine Ochsen an einen Baum, und ging eilends voraus, um zu sehen, ob er noch mehr finde. Kaum war er ausser Sicht, da lief auch schon der Dieb herbei, schnitt einem Ochsen den Schwanz ab und steckte ihn einem der andern ins Maul, so das der Busch noch eben herausschaute, dann nahm er die andern fünf und trieb sie eilends in den Wald. Der Viehtreiber kam bald zurück, als er keine Fünfliber auf dem Wege mehr fand – und güggelrot vor Zorn, schrie er den Ochsen an: «Was seh ich? Du hast die andern alle aufgefressen. Der Schwanz des letzten hängt dir ja noch zum Maul heraus! Wart, dir will ich!» und unsinnig vor Wut schlug er so lange mit seinem Knotenstock auf das arme Tier ein, bis es verendet am Boden lag. Dann machte er sich fluchend auf den Weg, um einen Karren zu holen, darauf er den toten Ochsen auflade und heimführe. Kaum war der Viehtreiber fortgegangen, da lud der Meisterdieb den toten Ochsen den andern fünf auf den Rücken und brachte so alle sechs zu der Höhle der Räuber.
Diese waren denn auch über die Massen zufrieden mit ihm, und der Hauptmann sprach: «Du bist so gut wie unser einer, drum sei dir die dritte Probe erlassen.» Und hinfort benutzten sie den Meisterdieb allemal bei den verwegensten Streichen und Stücken, wo es besonderer Findigkeit und Geschicklichkeit bedurfte.
Und so vergingen sieben Jahre. Da meinte der Dieb, jetzt sei er lange genug bei den Räubern gewesen und er wolle sein Bündel schnüren, doch nicht, ohne sich vorher ausgiebig auf seine Weise bezahlt zu machen. Am letzten Tage des Jahres sandte ihn der Hauptmann mit einer grossmächtigen Bänne zu Besorgungen in die Stadt. Dort kaufte er eine trockene Ochsenhaut und spannte sie straff wie ein Trommelfell über seinen Karren. Dann fuhr er zur Höhle zurück und schlug mit einem Prügel wie letz auf die Haut, dass es tönte und dröhnte, gleich als käme ein ganzes Bataillon Soldaten mit Trommelschlag in Schritt und Tritt anmarschiert. Dazu schrie er in einem fort: «Fürio! Fürio! Rette sich wer kann!» Da glaubten die Räuber, Soldaten wären im Anmarsch und liefen davon, und so schnell sind sie gelaufen, dass einigen sogar die Schuhe von den Füssen fielen. Der Meisterdieb aber füllte seine Bänne mit Gold und Silber aus dem aufgespeicherten Raub und machte sich dann auf den Heimweg.
Als vornehmer Herr kam er ins Elternhaus zurück. Wie er in die Hofstatt trat, putzte der Vater eben die Bäume. «Gott zum Gruss», sagte der Sohn, «ihr seid scheint’s auch allein, Meister, dass ihr in eurem Alter alle Arbeit allein machen müsst!» «Ja, leider, Gott sei’s geklagt!», erwiderte der Alte. «Ich bin allein mit meiner Frau auf dem Hof. Wir hatten zwar einen Sohn, aber der ist vor Jahren fortgegangen, und wir wissen nicht wohin.» Da fragte der Fremde, ob er bei den Leuten essen könne, denn es war kein Wirtshaus im Dorf. Die Frau stellte das Beste, was sie hatte, auf den Tisch. Unterm Essen fragte der Gast die beiden Alten, ob sie ihren Sohn wohl erkennen würden, wenn sie ihn sähen. «Ei freilich», sagte die Mutter, «denn er trägt ein Muttermal auf der Brust.» Da knöpfte der Fremde Tschopen und Hemd auf, und jetzt erkannten die Eltern ihren Sohn. Und sie freuten sich sehr, dass aus dem Taugenichts ein so feiner Herr geworden war. Und wie staunten sie erst, als er ganze Beutel prallvoll von Goldstücken und Silbertalern auf die Tischplatte legte. «Da schaut her», sagte er, «soviel Geld bringe ich heim, und bin doch mit leeren Händen fortgegangen.» Da wollten sie wissen, was er denn für ein Handwerk gelernt habe, das so einträglich wäre. «Meisterdieb bin ich geworden, und da bekomme ich allemal, was ich nur will.» Das deuchte die Alten schon weniger gefreut, und sie schüttelten bedenklich den Kopf. Der Vater brummte etwas in seinen Bart, und die Mutter seufzte, aber heimlich war sie doch stolz auf ihren Sohn und sagte: «Weisst du was, du solltest zum König gehen und ihm erzählen, dass du ein Meister geworden bist in deinem Fach. Er baucht allerhand für Leute, um zu regieren, und da hat er auch Verwendung für dich. Und überdies ist er dein Götti.»
Und so machte sich denn der Meisterdieb auf und begab sich an den Hof. «So, so», sagte der König, als der Bursche vor ihn trat, «das ist jetzt auch schön von dir, dass du mich besuchen kommst. Nun, was treibst du denn? Du bist gut fortgekommen in der Welt, mein ich.» Da erzählte jener dem König, wie er ein Meisterdieb geworden sei.» «So, so», sagte der König «ein Meisterdieb bist du geworden. Alle Achtung. Nun, da will ich dich gleich einmal auf die Probe stellen. Drei Dinge sollst du mir vollführen. Aber weh dir, wenn’s dir nicht gelingt. Kleine Diebe hängt man an den Galgen, musst du wissen, und die grossen an goldene Ketten.» Ja, schon recht, dachte der Meisterdieb bei sich: Es gibt mehr Diebe als Galgenholz, und man hängt keinen Dieb, ehe man ihn hat. Aber laut sagte er: «Herr König, lasst nur hören, was ihr wollt, dass ich tun soll, ich stehe zu Diensten.» «Zum ersten», sagte der König, «sollst du mir meinen Leibfuchs heut Nacht aus dem Stalle stehlen. Aber, wie gesagt, lass dich nicht erwischen, sonst hängst du morgen als Rossdieb am Galgen.» «Herr König, verlasst euch drauf; morgen früh bringe ich euch euer Pferd», sagte der Dieb, verbeugte sich, wie sich’s bei Hofe gehört, und trat ab.
Der König legte eine Wachmannschaft in den Stall, und einer musste mit geschultertem Gewehr stets vor der Türe auf und ab schreiten, einer sass rittlings auf dem Pferd, einer hatte den Halfter fest in der Hand, und einer hielt es am Schwanz. Der Meisterdieb verkleidete sich als Händler und kam mit einem Fässchen Wein wie von ungefähr vor den Stall gegangen.
«Huh», rief er mit kläglicher Stimme, «huh, wie kalt ist’s heut Nacht! Lasst mich herein, und wir wollen uns alle wärmen bei einem guten Schluck aus dem Lägel da. Da kost nur einmal», sagte er zu dem Posten vor der Türe und bot ihm einen Probeschluck aus der Gutter, die er im Tschopen parat hatte. « Es wird dir und mir wohl tun.» Der Soldat tat einen tiefen Zug, wischte sich mit dem Handrücken den Schnauz und liess den Mann ein mitsamt seinem Lägel. Der bot nun allen zu trinken, bis sie alle schwer von dem starken Weine, schliefen. Wie alle fest eingeschlafen waren, hing er den ersten mit einem Seil an der Decke auf, dem zweiten liess er den abgeschnittenen Halfter in der Hand, dem dritten gab er einen Strohwisch statt des Schwanzes in die Hand, und den Posten vor der Türe lehnte er gegen die Wand, das Gewehr im Arm. Dann führte er das Pferd aus dem Stall, sass auf und ritt davon. Am Morgen kam der König in den Stall, um nach dem Pferd zu sehen. Die Wachen schliefen alle noch, ein jeder in seiner Stellung. «Wart, euch will ich, ihr pflichtvergessenen Taugenichtse!» schrie er voller Zorn. «Das Pferd ist gestohlen!» «Nein, bei meinem Eid, das ist nicht wahr», sagte der erste, «ich sitze ihm ja auf dem Rücken.» Der zweite: «Und ich halte es ja am Zügel!» «Und ich habe den Schwanz in der Hand,» der dritte.
Darauf hiess der König den Meisterdieb die zweite Aufgabe lösen. Und das war: er müsse der Königin in der nächsten Nacht das Betttuch unter dem Leibe wegnehmen und den Ehering vom Finger. «Aber wohlgemerkt», sagte der König «wenn’s dir nicht gelingt, kostet es dir den Kopf!» «Herr König, ihr werdet mit mir zufrieden sein», sagte der Meisterdieb und dachte dabei das seine. Als er sich des Nachts nach dem Schlosse begab, um sich ans Werk zu machen, da kam er am Galgen vorbei. Daran hing ein Gehenkter und baumelte im Nachtwind. Den schnitt er ab und lud sich ihn auf den Rücken. Vor dem Schlafgemach des Königs und der Königin stellte er eine Leiter an und stieg mit dem Toten auf den Schultern hinauf und schob ihn zum Fensterrahmen hinein. Der König, der wach lag, hörte das Geräusch und rief: «Wart, dir will ich’s stehlen verleiden!», denn er glaubte, es sei der Meisterdieb, und schoss ihn mit seinem Terzerol herunter. «Oh Gott», flüsterte die Königin, «oh Gott, du musst ihn wegschaffen, was würden auch die Leute sagen.» «Ich will ihn schnell im Garten verscharren», sagte der König. «Es braucht’s ja niemand zu wissen.» Kaum war er zur Kammer hinaus, schwang sich der Dieb herein und sagte mit verstellter Stimme zur Königin: «Bedenk ich’s recht, so war ich doch sein Götti und habe wenig für ihn getan. Gib mir dein Leintuch und deinen Ring, damit ich ihn einmachen kann und ihm etwas ins Grab gebe.» Am andern Morgen brachte der Meisterdieb dem König Leintuch und Ehering seiner Frau.
«Jetzt stelle ich dir die dritte und schwerste Aufgabe», sagte der König, «du holst mir noch heute den Pfarrer und den Sigrist aus der Nachbargemeinde und sperrst sie in mein Hühnerhaus ein. Aber ohne Gewalt, verstehst du! Bringst du das zuwege, so ist’s dein Glück, wo nicht, ist’s aus mit dir.» Der Meisterdieb ging an den Bach, sammelte den ganzen Tag Krebse, und als es Abend wurde, ging er auf den Friedhof der Nachbargemeinde, steckte jedem Krebs ein brennendes Kerzlein zwischen die Scheren und liess sie über die Gräber krabbeln. Dann ging er in die Kirche und predigte von der Kanzel: «Die Zeit ist erfüllet, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, gehet hin auf den Gottesacker, alle ihr, deren Herzen nicht verstockt sind in Verhärtung, und sehet, wie die Gebeine der Toten sich rühren.» Dann fuhr er fort: «Wer da begehret ins Himmelreich, der soll kommen zu mir. Hier habe ich einen Sack, er ist klein und fasst nicht viele!» Der Pfarrer und der Sigrist waren auch in der Kirche und hörten, was er predigte. Da zupfte der Sigrist den Pfarrer am Ärmel und lispelte ihm ins Ohr: «Herr Pfarrer, kommt schnell, damit wir die ersten sind im Sack, sonst kommen uns die andern zuvor ins Himmelreich!» Und sie stiegen hurtig auf die Kanzel, schloffen in den Sack, und der Meisterdieb band ihn fest zu. Da aber die Last zu schwer war, zu tragen, so schleifte er sie die Treppe hinunter. Da grochzte der Sigrist: «Es ist doch wahr, was ihr immer gepredigt habt, Herr Pfarrer, der Weg zum Himmel ist gar rauh und hart.» Als sie durch die nasse Strasse geschleift wurden, sagten sie wieder zueinander: «Jetzt fahren wir durch die Regenwolken dem Himmel zu.» Im Hühnerstall wurden sie liegengelassen. Als der König am Morgen die schmutzigen Gefangenen herausliess, liess er dem Meisterdieb durch seinen Kämmerer einen grossen Haufen Dukaten auszahlen und sprach zu ihm: «So jetzt pack dich hier vom Hofe fort, du bist mir ein gar zu gefährlicher Geselle!»
Der Meisterdieb aber liess sich das nicht zweimal sagen, nahm das Geld, zog den Hut und ging heim zu seinen Eltern und lebte mit ihnen seine Tage als ein reicher Mann, der sich’s und andern wo sein lassen konnte.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch