Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Vom weisen Salomon und dem klugen Narren Makolbus

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Schwank

König Salomon, der auf dem Throne Davids sass, seines Vaters, und war voller Weisheit und Reichtum, der hatte einen Bruder, Makolbus mit Namen. Der war gar schnöde zu schauen, hässlich und ungestalt, und war doch über die Massen witzig und gar gesprächig in der Rede. Makolbus war kurz und dick wie ein Knuppen und hatte einen grossigen klumpigen roten Kopf mit einer breiten runzeligen Stirn, darüber stachelig Borstenhaar wie ein Igel, haarige Ohren, die bis auf die Mitte der Kinnbacken herablampten, eine klobige Häckernase, grosse triefende Augen, breite wulstige Lefzen, die Unterlefze kürzer, gleich einer Rosslefze, ein eselig Gesicht mit einem schmutzstarrenden Bart wie ein Geissbock, klobige Hände mit kurzen dicken Fingern und plumpe Füsse, die in groben Bauernschuhen aus blosser Kuhhaut staken, und ein Schwert umgegürtet mit einer zerschlissenen Scheide. Auf dem Kopf trug er eine Kappe aus Filz mit einem Hirschengehörn als Zier daran. Und sein schäbiges Wams war allzu kurz, aus schlechtem Tuch, und die Hosen waren voller Schränze und Löcher.

Da Makolbus zu anderem nicht taugte, hatte König Salomon ihn zu seinem Hofnarren gemacht, denn es gefiel ihm, Kurzweil zu haben an seinen mancherlei Possen und Spässen. Einmal fragte der König ihn, ob er auch mähen könne. Der Narr ging hin, nahm eine Sense und mähte drei Mahden. Dann lag er den lieben lang auf der Matte im duftigen Grase und liess sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Am Abend kam er zum König. Der fragte ihn, was er beim Mähen ausgerichtet habe. «Oh, ich habe mehr gemäht als sieben andere», sagte der Narr,« und du schuldest mir einen rechten Lohn. Sieh zu, was du mir gibst! » Aber als der König ihm nicht so viel bezahlen wollte, wie er heischte, da sagte er: «Nun wohl, wenn du mir nicht zahlen willst, was billig und recht ist, so soll alles Gras wieder aufstehn bis auf die drei letzten Mahden.» Diese Rede nahm den König denn doch wunder, und er ging alsbald hinaus, dass er nachsehe, wie’s damit bestellt sei - und wie er nun die drei Mahden sah, da glaubte er wahrhaftig, Makolbus könne hexen, und er sprach zu ihm: « Wirst du nicht diese Nacht mit mir wachen können, so sollst du den Kopf verlieren.»

Und als es Abend wurde und die Nacht kam, da sassen sie zusammen, König Salomon und Makolbus, dass sie miteinander wachten, und keiner sollte schlafen dürfen bei Strafe des Leibes. So verging eine Weile, da aber ward der Narr schläfrig und wollte eben vertnucken. Salomon aber war wachend und sprach: «He du, schläfst du?» «Nein», sagte Makolbus, «ich schlafe nicht, ich denke.» Salomon sprach: «Nun, was denkst du denn?» «Ei», sagte Makolbus, «ich denke, dass auf dem Erdreich nichts Weisseres ist als der Tag.» «Nein, das glaube ich nicht», erwiderte Salomon, «die Milch ist weisser als der Tag.» Makolbus aber sprach: «Der Tag ist heller, und ich will dir beweisen, dass es so ist. Was gilt die Wette?» «Ja», sagte Salomon, «das sollst du mir beweisen, wenn dir dein Kopf lieb ist.» Dann schwieg er und wachte fort. Unlang aber, so entschlummerte Makolbus und hub alsgemach zu schnarchen an. Salomon sprach: «He du, schläfst du?» «Nein», sagte Makolbus, «ich schlafe nicht, ich denke.» «Nun, was denkst du denn?» sprach Salomon. «Ei, ich denke », sagte Makolbus, «die Natur sei über der Lehre.» «Nein», sprach Salomon, «die Lehre ist über der Natur.» So stritten sie eine Weile hin und her, und keiner wollte nachgeben.

«Das musst du mir beweisen, wenn ich’s glauben soll», sagte schliesslich wieder der König. Da aber war er müde geworden vom langen Wachen, und er erhob sich, um nach seinem Schlafgemach zu gehen, dass er sich niederlege in sein Bett. Makolbus aber lief ungesehen voraus, holte im Gaden eine grosse Gebse voller Milch und stellte sie unter die Kammertür. Und als nun der König über die trat, stapfte er - plitschplatsch - darein, dass es allerwärts pflotschte und spritzte, und schier wäre er auf dem Boden ausgeglitten und hingefallen, so lang er war. Da ergrimmte er und sprach voller Zornes: «Eh, eh, das hat der verdammte Narr angestellt!

Aber wart du nur, dir will ich dafür tun, dass du daran denken sollst!» Makolbus aber lachte und rief: «Ei, Herr, du hast die Wette verspielt und darfst nicht zürnen, denn hast du nicht gesagt, dass die Milch weisser sei als der Tag! Warum hast du sie denn nicht gesehen?» Salomon antwortete unwirsch: «Dass dich Gott strafe, du Schalk. Sieh nur her: mein schönes Kleid ist von oben bis unten mit Milch bespritzt, und ich wäre obendrein noch beinahe hingefallen und hätte Arme und Beine brechen können!» «So sieh dich künftig vor, was du redest», sagte der Narr. «Jetzt aber geh, Herr, und leg dich schlafen und gib mir Recht!» Und also musste der König tun, sei’s ihm süss oder sauer.

Als man nun des andern Tages zu Nacht ass, sass der König Salomon zu Tische und Makolbus ihm gegenüber und hatte heimlich drei Mäuse in seinem Ärmel. Der König hatte nämlich eine Katze, die er gar wert hielt und lieb hatte. Die war also gewohnt, dass sie allemal am Abendessen, aufrecht auf zwei Beinen stehend, einen Kerzenstock in den Vorderpfoten hielt, damit sie zur Tafel leuchtete. Als man nun mitten beim Essen war, liess Makolbus plötzlich eine Maus aus dem Ärmel über die Tischplatte laufen, so dass die Katze sie sah. Lüstern blickte sie der Maus nach, aber sie hielt das Licht stille. Da liess Makolbus die zweite Maus laufen. Jetzt zuckte die Katze und hob die Hinterbeine, dass das Licht schwankte, hielt aber den Leuchter doch noch fest. Der König dräute ihr, und sie blieb am Platz. Da liess Makolbus die dritte Maus laufen – jetzt liess die Katze das Licht fallen, wie sehr auch der König aufbegehrte und sprang der Maus nach.« Siehst du wohl, Herr», sagte Makolbus, «was hab ich gesagt? Glaubst du nun, dass die Natur über der Lehre ist?» «Du bist und bleibst ein Donners Chätzer» rief der König ärgerlich, «ich will künftig nichts mehr mit dir zu schaffen haben!» Und er gebot seinen Knechten: «Werfet ihn hinaus vor das Tor und lasset ihn mir nie mehr unter die Augen kommen! Und wenn er je sich wiederzeigt, so hetzet ihm alle Hunde an.» Makolbus aber sprach:

«Gerechtigkeit fiel die Stiegen ab,

Ihr ist not, dass man sie lab!»

Aber es half ihm alles nichts: er wurde davongejagt wie der König geboten. Da sagte er zu sich selber: «Weder so noch so, weiser Salomon, sollst du vor dem Narren Makolbus Frieden haben.

Makolbus war zornig, dass er dem König nimmer sollte unter die Augen kommen und bedachte bei sich mancherlei Räte, was er tun möchte, dass er den König abermals überliste. Am andern Tage, als er aufgestanden war, da war ihm eingefallen, wie er’s anstellen könnte, dass er wieder möchte an des Königs Hof kommen, und die Hunde ihn nicht zerrissen. Und Makolbus ging hin und nahm einen Hasen, verbarg ihn unter seinem Wams und ging dem Schlosse zu. Wie die Diener ihn kommen sahen, hetzten sie mit Hui und Hei und Huss und Hass die Hunde an ihn, dass sie ihn zerrissen. Da liess Makolbus den Hasen laufen, und zuhand rannten die Hunde jaulend und bellend dem Hasen nach. Und Makolbus kam vor den König und bot ihm Gott zum Gruss und tat nicht dergleichen. Als Salomon ihn sah, sprach er: «Wem jagen die Hunde nach?» Makolbus sprach: «Wem anders, als dem, der ihnen entläuft!» Salomon sprach: «Was ist’s, das sie flieht?» «Das, was sie jagen», sagte Makolbus. «Ich sehe wohl», sprach der König ärgerlich, «mit dir ist nichts anzufangen. Aber hüte dich wohl, dass du mir hier heute nicht ausspeist, es sei denn auf die blosse Erde.» Denn der Boden des Saales war allerorten mit kostbaren Teppichen belegt und die Wände ringsum mit Umhängen bedeckt. Aber unlang, so kam Makolbus der Husten an, also dass er sich räuspern musste und in seinem Munde eine Menge Speichel sich sammelte. Da sah er sich allenthalben in der Halle um, aber nirgends gewahrte er einen Fleck blosser Erde. Neben dem König jedoch erblickte er einen Mann mit einem Kopf so kahl wie ein Ei, einen Grossen des Reiches. In seiner Bedrängnis spie Makolbus dem Kahlen allen Speichel, den er im Munde hatte, mit grossem Ungestüm auf das Haupt. Da ward jener zündfeuerrot vor Zorn, wischte sich die Stirn mit einem seidigen Tüchlein, fiel dem König zu Füssen und klagte über die Unbill, die ihm der Unflat angetan. Und Salomon sprach: «Du garstiger Tölpel, warum hast du diesem Manne, der Besten einem meines Reiches, die Stirne beschmutzt mit deinem Auswurf?» Makolbus antwortete: «Ich habe sie ihm nicht beschmutzt, sondern aufs gedüngt; denn auf einen unfruchtbaren Boden leget man den Mist, dass er ihn dünge und verbessere.» «Sag, was gehet das diesen Mann an, den du bespien hast?» fragte wieder der König. Makolbus sprach: «Wie, hast du mir nicht verboten, dass ich hier heute solle ausspeien, es sei denn auf die blosse Erde? Aber als mich die Not ankam, war da kein Flecklein. Da sah ich des Mannes blutte Stirn und kein Härlein drauf. Die deuchte mich so gut wie die blosse Erde, und da spie ich drauf. Denn wäre sein Schädel allzeit so feucht, es wüchse ihm Haar daran. Drum sollst du mir nicht zürnen, Herr.» «Dass dich der Teufel schände, du böser Schalk!» rief Salomon. «Weisst du nicht, dass kahlen Häuptern mehr Ehrfurcht gebühret als den andern! Die Kahlheit ist der Ehre Kleid.» «Nein», antwortete Makolbus, «die Kahlheit ist der Fliegen Mahlzeit. Sieh nur, wie die Fliegen sich zuhauf auf seinem kahlen Kopfe sammeln, und nicht eine geht an die behaarten Köpfe der andern.» Da sprach der kahle Mann:« Warum lässet man diesen Unflat herein, dass er uns Schimpf tue und obendrein noch schmäht und lästert mit seinem Schandmaul! Er soll auf der Stelle schweigen, oder man soll ihn hinauswerfen.» Da ward Salomon über die Massen zornig und sprach: «Bei Gott, mach dass du fortkommst und hüte dich, mir jemals wieder unter die Augen zu treten. Wahrlich, dann soll dir weder List noch Lug mehr vom Galgen helfen!» Und drei Diener griffen Makolbus und warfen ihn abermals aus dem Palaste. «Schämt ihr euch nicht!» rief Makolbus. «Drei gegen einen! Aber dass ihr’s nur wisst: die Qualität ist gleichwohl stärker als die Quantität!» «Nein», rief Salomon, «die Quantität ist stärker als die Qualität!» «Nein doch, die Qualität», sagte wieder Makolbus. «Das musst du mir auf der Stelle beweisen», sprach Salomon, «oder ich lasse dich am ersten besten Baum aufknüpfen!» Da nahm Salomon ein Fass voll Essig, Makolbus aber einen Löffel voll Honig, und nun wollten sie Fliegen fangen. Und der König fing nicht eine Fliege, Makolbus aber hatte am Abend ein ganzes Fass voll - und Salomon hatte die Wette abermals verloren. Makolbus aber sprach: «So, Herr, was gibst du mir jetzt?» Salomon warf ihm einen ganzen Sack voll Geld hin und rief: «So, jetzt mach aber, dass du fortkommst!» Makolbus aber sprach: «Nein, damit bin ich nicht zufrieden. Recht und billig ist, dass du mit mir deine ganze Habe teilst, so wie ich sage, dass es geschehen soll. Sonst wirst du noch dein ganzes Reich an mich verlieren. Noch kennst du nicht meine ganze Macht. Denn ich kann hexen wie kein zweiter.» Da erschrak Salomon, denn er erinnerte sich des aufgestandenen Heus und so fingen sie denn an zu teilen. Der König hatte neben seinem Haus einen prächtigen Stall bauen lassen, und der war eben fertig geworden. Nun sagte Makolbus: «So, Herr, wenn jetzt das Vieh aus dem alten Stall zur Tränke getrieben wird, dann soll man’s allein zurücklaufen lassen. Du behältst dann, was in den neuen Stall hineingeht, und ich nehme, was in den alten Stall zurückgeht. Aber niemand soll das Vieh jagen.» Des war der König zufrieden. Das Vieh wurde zur Tränke getrieben, und beide Stalltüren standen sperrangelweit offen. Aber wie viel grösser auch die Tür des neuen Stalles war, es verliefen sich nur zwei Kälblein dort hinein. Makolbus aber lachte sich in den Bart und zog mit der ganzen Habe ab.

Das aber deuchte König Salomon Schimpf und Schande, und er sandte seine Häscher aus, dass sie Makolbus fangen sollten als einen Betrüger und Dieb und ihn henken an einen Baum. Und als Makolbus gefangen vor ihn gebracht wurde und sein Urteil vernahm, sprach er: «Um eine Gnade bitte ich dich, Herr, erlaube, dass ich an einen Baum gehängt werde, der mir gefällt.» Salomon sprach: «Nun denn, so mag dieser letzte Wunsch dir erfüllt werden.» Da nahmen die Knechte Makolbus und führten ihn im ganzen Reiche herum von einem Ende des Landes bis zum andern, aber nirgends war ein Baum zu finden, an dem zu hängen Makolbus behagt hätte. Da kehrten sie mit ihm und kamen wieder gen Jerusalem zu dem König Salomon und sagten ihm, wie sie weit und breit keinen Baum hätten finden können, daran zu hängen Makolbus hätte gefallen mögen. Da sprach der König: «Bisher habe ich mich für den weisesten der Könige gehalten, nun aber muss ich gestehen, du bist dennoch klüger als ich. Sag an, Makolbus, von wannen kommt dir solcher Witz, dass du alle andern an List und Lug übergehst? » Makolbus antwortete: «Das will ich dir sagen, Bruder: Zu Zeiten Davids, unseres Vaters, nahmen die Ärzte, als du einmal krank warst, einen Geier und bereiteten dir davon eine Arznei. Und als sie die Arznei nach der Notdurft aller deiner Glieder gemacht hatten, da nahm Bathseba, deine Mutter, das Herz des Geiers, legte es auf eine Brotrinde, briet es auf den Kohlen, so dass das Fett davon troff, und gab dir’s zu essen. Mir aber, der ich von ungefähr auch just in der Küche war, warf sie den Ranft an den Kopf, und ich nahm ihn vom Boden auf und ass ihn auf. Die Rinde aber war von der Feistigkeit von des Geiers Herzen durchtränkt. Davon kam mir die Listigkeit, wie dir die Weisheit von des Geiers Herzen.» Da sprach Salomon: «Ich sehe wohl, ich mag wollen oder nicht, so muss ich dich ertragen und dich nähren; denn du bist vom Vater her mein Bruder. So will ich dich denn behalten, wie du bist, zu einem ewigen Knecht; denn dein Witz hat mich überwunden. Darum verseht ihn alle seine Tage reichlich mit Speise und Trank und Kleidern und allem, wessen er bedarf nach der Notdurft seines Leibes, damit er mich nimmer erzürne, denn das geziemt sich nicht.»

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch