Der Markstein-Versetzer
Ob dem Mattenwalde zwischen dem Frauentobel und dem Gründiebach flammt allemal in der Sonnenwendnacht des Frühlings,wenn die Geisterstunde anbricht, hoch oben am Berggrat ein heller Feuerschein auf und fährt geradeswegs über die Bergmatten und durch den Tannenwald hinab nach dem dumpfen Gebrauses daherrauschenden Talbach und erlischt jäh in einem Strudel. Ein Loch birst auf in der dicken Eiskruste, ein Wassergutsch spritzt hoch daraus empor, dann schliesst sich die Eisdecke wieder. Aber noch lange hört man ein gedämpftes Heulen und dumpfes Gurgeln unter dem Eise.
Der Feuerschein entlodert einem brennenden Manne, der immer wieder zuzeiten die alte Grenzscheide abschreitet, die vor alters das Gebiet der Gemeinde Tierzau von dem Gebiet von Unterwegen trennte.
In der Geisterstunde der Herbstsonnenwende schleicht der Brünnlig zwischen den Tannen durch bis zum Rabenstein hin. Dort erlischt der Feuerschein einer ausgebrannten Fackel gleich. Nur die Augen leuchten fort wie Kohlenglut, und die Zähne und alles Gebein in seinem Körper glühn. Sechs Fuss hoch ragt der Mann vom Boden auf. Auf einer Lichtung bleibt er stehn bei einem bestimmten Fleck. Scheuäugt er nach allen Seiten wie ein spähender Vogel. Dann zieht er eine Hacke unter seinem Wams hervor und fängt zu graben an, bald hier, bald dort, jetzt oben, dann unten, die kreuz und die quer. Er sucht und sucht und findet ihn nicht, den Markstein, den er einst im Leben heimlicherweise versetzt. Der ist samt dem Felskopf, auf dem er stand, längstens in den Bach hinabgestürzt und das Wildwasser hat ihn fortgerollt und zu Grus und Grien zerrieben und weit hinausgeschwemmt ins ebene Land. Jetzt wirft der Mann die Hacke weg, kniet nieder und wühlt mit den Händen in der Erde, immer heftiger, immer hastiger; Wasen, Erdbrocken, Steine fliegen hoch in die Luft. Und kläglich ächzt und stöhnt er. Dann erhebt er sich mit gellen Wehrufen, die weit durch den Wald hallen und schleicht schwanken Ganges über den Gründiebach nach der Kohlhalde hinüber. Bei den Mauertrümmern einer verfalllenen Hofstatt bliebt er stehen. Er h zieht den Dreispitz vom Kopf, schränzt das Futter auf und holt einen grossen Löffel hervor. Mit den Nägeln reisst er den Rasen auf, löst einen langen schwarzen Köhlersack von seinen Lenden und fängt an, mit dem Löffel Erde darein zu schöpfen. Aber der Sack ist ohne Boden, die Erde rinnt hindurch. Immer heftiger, immer hastiger schöpft und schöpft er mit dem Löffel, bis ihm ermattert die Arme niederfallen und er erschöpft auf einen Stein sinkt. Dumpfen Rufes schreit er:
«Oh, oh, falsch ich schwor, Den Himmel verlor! Oh, oh, oh!»
Aber von den Ästen einer alten Wettertanne spottet die Eule:
«Ziriak, Ziriak, Ziriak, Füll den Sack, füll den Sack!»
Der Mann springt auf, nimmt einen Stein, wirft aufheulend vor Wut nach der Eule. Mit tschätterndem Gelächter schwebt sie mit leisem Flügelschlag dem Gründiebach zu. Der Mann läuft ihr nach, wohin sie entflogen. Da hört der Pfad auf. Ein tiefes Tobel tut sich vor seinem Fusse auf. Voller Angst späht er nach dem Weg. Aus den Lüften aber krächzt höhnisch eine Krähe:
«Käg, käg, käg, such den Weg, such den Weg!»
Mit einem grausigen Fluche stürzt sich der Geist in den Abgrund.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch