Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Vom roten und vom schwarzen Mutz

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Schwank

Zu Escholzmatt waren zwei Burschen voll Witz und Laune, wie sie heutzutage immer seltener werden, fast wie die weissen Krähen, die hiessen nur der rote und der schwarze Mutz. Der rote Mutz brachte als Bot regelmässig alle Dienstag frischen Anken auf den Markt nach Luzern. Es war zur guten Junkerszeit, da die erlauchten hochwürdigen, grossmächtigen, fürsichtigen, gnädigen Herren alles wohlweislich zu ihrem Vorteil einzurichten wussten. Ihren Frauen und Töchtern zu Gefallen, die nicht gerne allzufrühe aufstunden erliessen sie ein Verbot, dass vor Morgens 7 Uhr kein Anken dürfe verkauft werden. Mutz kümmerte sich nicht um dieses Verbot und wurde daher von der gestrengen Obrigkeit zur Verantwortung gezogen. Da sagte der Mutz: «Ja luegid, Herr Landvogt, ich ha e chrankne Vater deheim, der ist 63 Jahr alt und het scho sid 30 Jahre der rot Schade. Ich muess Medizin heineh und weiss nid, ob er lebt oder scho g’storbe-n-ist.» Als der Landvogt das hörte, entliess er Mutz ohne Strafe mit einer heilsamen Ermahnung.

Draussen wartete seiner ein Jugendkamerad und frug ihn höchst gespannt, wie der Handel ausgegangen wäre. Mutz entgegnete, es sei alles ganz gut gegangen. «Ja, was hast du denn gesagt?», wollte der Kamerad wissen. «Was ich gesagt hab’, das ist wahr. Mein Vater ist 63 Jahre alt, und seit 30 Jahren lebe ich, sein Sohn, der rote Mutz, der ihm schon mehr Schaden als Nutzen gebracht hat, daher ich sein roter Schaden bin. Als Bot muss ich für die Leut’ oft Medizinen heimnehmen, und weiss dabei niemals, ob mittlerweile der Kranke noch lebe oder gestorben sei.»

Nicht minder schlagfertig war der schwarze Mutz. Zu seiner Zeit pflegte er mit andern Kameraden vor und nach dem Gottesdienst in die warme Wirtsstube zur Krone hinauf zu gehen, ohne dass jemand von ihnen irgend etwas verzehrte. Einmal an einem Gerichtstage war die Stube ebenfalls ganz voll Leut’, als zwei Advokaten aus der Stadt angefahren kamen. Dem einen derselben wurde in der Hitze und in dem Tabaksqualm etwas eng, und er machte darüber seinem Kollegen eine Bemerkung. Der schwarze Mutz hörte es und sagte: «Händ geng Recht, sind z’viel Stöck dinne, me chönd öppe zwei use tue!»

Ein ander Mal begegnete dem schwarzen Mutz auf dem Weg nach Schüpfheim hinab der dortige Pfarrer samt dem bischöflichen Kommisarius. Der Pfarrer, der gerne mit dem Mutz seinen Spass trieb, sagte: «Mutz, Mutz, i ha g`meint, der Tüfel chömm obe-n-abe.» Da schüttelte der schwarze Mutz bedenklich den Kopf und sagte: «Nei, losid au, sind Ihr geistlich und wüsid nid emol, dass der Tüfel nid abe chunt, sondern unde-n-ufe.»

Einmal kam der schwarze Mutz zu seinem Zinsherrn, dem gnädigen Herrn Kasimir Pfyffer zu Luzern, der sass eben mit seiner Familie am Mittagessen, hiess den Mutz sitzen und liess ihn warten, mittlerweile frug er ihn leutselig, was es Neues gebe im Entlebuch?

Da erzählte der Mutz, es sei da etwas ganz Kurioses vorgefallen- eine Mohre habe 13 Junge geworfen, und habe doch nur 12 Püppi. «Ja wie geht es da beim Saugen dem dreizehnten Säulein?» frug Herr Pfyffer. Darauf entgegnete der Mutz: «He, es muess halt au beite-n-und zueluege.» Da der Herr etwas merkte, liess er ein Glas und einen Teller kommen und lud den Mutz zum Mittagessen ein. Und der hat sich’s weidlich schmecken lassen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch