Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Wer ist der Dümmste?

Land: Schweiz
Kanton: Tessin
Kategorie: Schwank

In einem Dorfe lebten einmal ein Mann und eine Frau beisammen und teilten des Lebens Freud und Leid miteinander. Jeden Winter schlachteten sie zwei fette Schweine. Den Hohrücken legte der Mann allemal auf die Seite. Den wollten sie für den langen Brächet aufsparen, sagte der Mann. Er meinte für den Juni; denn der Juni wird auch der Brächet genannt.

Als wieder einmal das Frühjahr nahte, sprach der Mann eines Tages zu der Frau: «Ich gehe heute für einige Wochen auswärts auf Arbeit. Ich hab da ein Plätzlein, von wo ich ein gut Stück Geld heimbringen kann. Hab du derweil gut acht aufs Haus und bewahr mir vor allem die Schweinsrücken für den langen Brächet.» Damit nahm er seinen Hut und ging. Die Frau aber sass daheim und erwartete seit dem Tage stündlich den langen Brächet, aber der wollte nie kommen. So oft ein Fremder vorüberging, trat sie unter die Türe und rief ihm nach: «He da, seid ihr etwa der lange Brächet?» Eines Tages nun kam ein Bettler durchs Dorf gegangen, lang und hager wie eine Bohnenstange; denn Krämer und Bettler sind nie vom Weg ab. «He da!» rief wieder die Frau, «ihr seid gewiss der lange Brächet.» «Freilich bin ich’s», erwiderte der Bettler und trat herzu,« aber warum fragt ihr?» «Ei, wie gut, dass ihr endlich kommt!» sagte die Frau, «wir haben für euch schon lang ein schönes Stück Schweinefleisch auf die Seite gelegt. Sitzt derweil ein wenig ab, indes ich's aus dem Speicher hole.» «Ja, ganz recht, gebt nur her», sagte der Bettler, «das hätt ich jetzt schier vergessen. Habt Dank und grüsst mir euren Mann aufs beste.» Sprach’s und ging davon, als brennte es ihm unter den Sohlen. Kein Bettler ist je Hungers gestorben, denn wer sich des Bettels nicht schämt, nähret sich reichlich. Betteln und Brotheischen gehet in einen Sack, und ein rechter Bettler sagt nie: es ist zuviel.

«Du», sagte die Frau, als der Mann nach Hause kam, «endlich ist der lange Brächet gekommen, und er hat sich die Schweinsrücken geholt.» «Dass das Wetter dreinschlage! Du bist doch die dümmste Kuh, die je den Milchkübel umgeschlagen hat!» sagte der Mann und setzte seinen Hut wieder auf. «Hör, Frau, ich gehe jetzt in die Welt hinaus, und wenn ich wo eine finde, die noch dümmer ist als du, dann mag’s dir für diesmal noch hingehen, und alles ist wieder gut. Aber wehe dir, wenn ich keine finde! Dann komme ich heim und ersäufe dich.» Damit nahm er den Weg unter die Füsse und wanderte talab, immer im gleichen Schritt. Noch war er nicht weit des Weges gegangen, da sah er vor einem Stalle zu eine Frau, die zog und zerrte aus Leibeskräften einen Haarbüschel durch ein Mauerloch. «Ei, gute Frau, was tut ihr denn da? »fragte er. «Ach», sagte die Frau, «meine Kuh ist durch dieses Loch in den Stall gelaufen, und nun ziehe ich sie zur Strafe am Schwanz wieder heraus.» Die ist auch von dort, wo man einen Kuhfladen für einen Eiertätsch ansieht, dachte der Mann und ging weiter. Unlang sah er vor einem Hause eine Frau auf der Bank am Schatten sitzen und Wäsche flicken. Sie zerschnitt sorgfältig neue Hemden und flickte damit die alten. «Hört, gute Frau, warum macht ihr das so? »fragte der Mann. «Ei», sagte sie, «es ist besser ich zerschneide die neuen als die alten, denn da kann man den letzten Faden dran gut gebrauchen. Doch davon versteht ihr Mannsleute nichts.» Hm, dachte der Mann, wer die zur Frau genommen hat, der ist auch unsinnig gewesen und ein geschlagener Mann sein Leben lang, und ging seines Weges weiter. Nach einer Weile kam er wieder zu einem Hause. Da sass eine Frau und hatte ein leeres Sieb in die Sonne gestellt. Das trug sie von Zeit zu Zeit hinein, dann kam sie wieder heraus und stellte es wieder an die Sonne. « Was in aller Welt macht ihr denn da?» fragte der Mann, nachdem er ihrem Treiben eine Weile zugeschaut hatte. «Ja seht, guter Mann», erwiderte sie, «ich hab da einen Keller, der ist so finster und im Winter immer so kalt, dass mir die Vorräte erfrieren. Und die Sonne scheint heute so schön hell und heiss, und da trag ich mir eben ein bisschen Licht und Wärme hinein, damit mir der Keller im Winter hübsch heiter und warm sei.» Wenn eine, so ist die schier noch dümmer als mein Weib! dachte der Mann und wusste nicht recht, ob er umkehren solle oder weitergehen. Endlich stiess er seinen Stock auf, wandte sich um und ging auf einem anderen Weg heimzu.

Aber als er ein Stück gegangen war, kam er zu einem breitschermigen Hofe. Da lag eine währschafte Frau auf den Knien und betete. Da legte sich der Mann ebenfalls auf die Knie, verwarf die Arme und fuchtelte in der Luft herum, sah sich nach allen Seiten um und gebärdete sich, man hätte meinen können, er wäre gestört. Die Frau erblickte ihn, lief herzu und rief: «Um Gotteswillen, guter Mann, was ist euch?» «Ich, ich suche den Weg in den Himmel», antwortete er, «denn eben bin ich durch ein Loch in der Diele heruntergefallen, und jetzt weiss ich nicht, wo ich wieder hineinkommen kann.» «Nein, was ihr nicht sagt!» rief die Frau und schlug die Hände zusammen, «ihr kommt vom Himmel. Ist’s möglich? Ei, da habt ihr gewiss meinen Mann getroffen, den Christi? Vorige Woche haben wir ihn begraben, und es ist eine schöne Leiche gewesen. Sagt, wie mag es ihm wohl gehen da droben?» «Oh», sagte der Mann, «alles in allem recht gut, nur hättet ihr ihm sein Sonntagskleid mitgeben sollen und seinen Geldseckel.» «Hört, guter Mann, wollt ihr mir einen Gefallen tun, so kommt herein und nehmt einen Imbiss, derweil ich das Kleid richte und das Geld hole.» Der Mann sagte nicht nein, und die Frau holte das Kleid aus dem Kasten und den neugefüllten Geldbeutel.

«So, bringt dies meinem seligen Manne, «sprach sie und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und schnupfte, «und grüsst ihn vielmals von mir und sagt ihm, ich werde, so Gott will, bald nachkommen.» «Gut, ich will die Sachen besorgen und euren Gruss ausrichten», sagte der Mann, nahm Beutel und Bündel und ging gemächlich seines Weges.

Kaum war er fort, da kam der Sohn der Frau nach Hause. «Denk dir nur, Heisi», sagte sie voller Freude, «der Vater ist schon im Himmel, und alles in allem geht’s ihm recht gut, nur hätten wir das Sonntagskleid und den Geldseckel mitgeben sollen.» «Ie der Tausend, Mutter, woher weisst du denn das?» fragte der Heisi verwundert. «Eben ist einer da gewesen, der ist geradeswegs Himmel gefallen, durch ein Loch in der Diele, hat er gesagt - der hat den Vater gesehen und mir alles erzählt. Und da er gleich wieder hinaufgehen wollte, hab ich ihm das Kleid und das Geld grad mitgegeben, und ihm gesagt, er solle dem Vater einen Gruss ausrichten.» «Wo ist der Mann hingegangen?» rief der Heisi. «Eh, dort hinaus!» sagte die Mutter und wies ihm die Richtung. Da lief der Heisi in den Stall, sattelte den Braunen und ritt dem Manne nach, so schnell das Ross laufen konnte. Als jener den Reiter hinter sich herkommen sah, setzte er sich an den Wegrain und kehrte geschwind seine Hosen. Und über den Haufen deckte er seinen Hut und hielt ihn fest mit beiden Händen zu. «Habt ihr etwa einen Mann hier vorübergehen sehen mit einem Bündel?» fragte ihn der Heisi und hielt den Braunen an. «Ja», sagte der Mann, «vor einer Weile ist einer hier vorübergekommen und dort hinausgegangen, und er schien’s gar eilig zu haben. Schelmen laufen geschwind». «Sagt, was habt ihr denn da unter dem Hut?» fragte der Heisi, den der Gwunder stach. «Ich hab einen Goldvogel gefangen», erwiderte der Mann. «Aber ich darf ihn erst fassen, wenn die Sonne zu Gold geht und die Schatten wachsen.» «Wisst ihr was», sagte da der Heisi, «ihr kennt den Schelm, so seid so gut und nehmt mein Ross und reitet dem Manne nach und heisset ihn hierher zurückkommen. Ich habe etwas mit ihm zu reden. Den Hut will ich euch derweil schon halten, dass der Vogel nicht entfliegt.» «Ein Dienst ist des andern wert», antwortete der Mann, schwang sich auf das Pferd und sprengte davon. Der Heisi sass am Wegrain und hielt den Hut mit beiden Händen sorglich fest, bis die Sonne sank und die Schatten wuchsen. Als aber der Mann nicht zurückkam, hob er den Hut endlich auf, um den Vogel zu fangen, - da langte er in den Dreck.

Als der Mann heimkam, konnte er seine Frau nirgends im Hause finden. Da hörte er ein Geräusch vom Holzschopf her. Da hatte die Frau, derweil er fort gewesen, den Schweinebottich auf die Scheiterbeige gestellt und lag darin und pflotschte und plantschte, dass es nur so spritzte. « Was zum Teufel treibst du da oben?» rief der Mann. «Nein», schrie die Frau mit jämmerlicher Stimme, «warte noch, nein, warte noch! Ich kann noch nicht schwimmen! Ich kann noch nicht schwimmen!» «Komm getrost herab, Frau!» rief der Mann, «ich tue dir nichts zuleide. Dir zum Glück habe ich etliche gefunden, die schier so dumm wie du, und etliche, die noch dümmer waren.» Da kam die Frau aus dem Zuber hervor und fiel ihrem Mann um den Hals, so nass sie war, und sie blieben beisammen und teilten die Freuden und Leiden des Lebens miteinander bis an ihr seliges Ende.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

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