Von den Lötschern
Die Lötscher hatten Mangel an Eisen. Da beschloss der Rat, den Gemeindeacker mit Nadeln anzupflanzen, damit man im Herbst Reisteisen ausgraben könne. Sie kauften die Nadeln und steckten sie in den Boden. Als sie im Herbst die Eisenstangen ernten wollten, fanden sie nichts. «Wo mag es fehlen?» fragten die vomRat. Da sagte einer: «Der Samen ist schon recht, nur müssen wir dies Jahr die Nadeln mit dem Spitz nach oben setzen, damit sie gehörig Wurzeln fassen können.» Und so geschah. Als es im Herbst wieder nichts zu ernten gab, sahen sie ein, dass die Schuld am Samen lag.
Die Lötscher hatten Mangel an Salz. Da beschloss der Rat, auf dem Gemeindeacker Salz anzusäen. Es kamen aber nur Nesseln. Bei der Besichtigung kam einen der Räte die Not an, und er kehrte die Hosen in einer Furche. Da brannten ihn die Nesseln auf die Hinterschwarten. Da rief er: «Es ist geraten! Es ist geraten! Es rätzt schon.» Und der ganze Rat wurde herbeigerufen. Die Mannen hielten die Hände in die Nesseln, zogen sie aber schnell wieder zurück und sagten: «Ja, drin wäre es schon, aber wie sollen wir es herausbekommen!»
Ein Lötscher ging nach Leuk auf den Markt und verkaufte dort eine Kuh für zehn Napoleons. Auf dem Heimweg kam er über das Gampeler Feld. Da schrie ein Hopschel im Sumpf: «Nini, nini, nini.» Da rief der Lötscher: «Du verdammter Lügenhals, dass du’s nur weisst: nicht neune hat sie gegolten, sondern zehne!» Aber der Frosch schrie unentwegt: «Nini, nini, nini.» Der Mann voller Zorn warf seinen Geldseckel in den Tümpel und rief: «So zähl halt selber!» Dann ging er zum Kastlan und erzählte ihm, unter der Brücke sitze einer, der rufe immerzu, seine Kuh habe nur neune gegolten — und er habe doch zehne dafür gelöst. Der Kastlan ging mit ihm zu der Brücke und fragte wo jetzt der Kerl sei. Da sagte der Lötscher: « Hörst du nichts - Er ruft noch jetzt immerzu:, Nini, nini, nini!‘»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch