Die klugen Vispertaler
Die Vispertaler waren nach langem rätig geworden, sie wollten ein Gemeindehaus bauen. Es wurde also ein Tag festgesetzt, da man das Holz herbeischaffen sollte. Der Holzschleif war aber sehr steil und glatt. Darum liessen sie die Trämel Stück für Stück mühsam an Seilen herunter. Und alles ging ihnen gut von der Hand. Der letzte Stamm aber entglitt dem Seil und fuhr, wie geflogen, den Schleif ab, und ehe sie wussten, was geschehen, war er schon unten. Da standen die Mannen alle lange mit offenen Mäulern und staunten «Eh», sagte endlich der Verständigste unter ihnen, «wir sind auch dumm gewesen, dass wir uns so geplagt haben! So geht’s doch viel leichter. Die Trämel gleiten ja von selbst hinab.» «Ja», meinte ein anderer, «das müssen wir mein Gottseel besser machen. Wir dürfen sie nur wieder herauftragen und dann hinunterlassen.» Gesagt, getan: sie schleppten alle Trämel wieder auf den Berg hinauf und liessen sie, einen nach dem andern, selber zu Tal fahren.
Als sie nun endlich Holz und Steine und alles, was sonst noch nötig war, glücklich an Ort gebracht, begannen sie den Bau. Aller Hände waren rüstig am Werk, so dass das Gebäude in kurzer Frist vollendet dastand. Nur eines hatten sie vergessen, die Fenster, denn wie sie hineintraten, war’s überall stockfinster. Da standen sie wieder lange und hielten Rat. Endlich sprach einer: «Das beste ist, wir tragen Sonnenschein hinein, dann wird’s hierinnen schon tagen.» Alle fielen dieser Auskunft bei und lobten den Ratgeber ob seiner Klugheit. Und nun wurden Säcke, Bütten und Zeinen auf die nächste Matte gestellt, wo die Sonne schien. Und wenn es sie deuchte, jetzt seien sie voll, dann trugen sie das gefasste Sonnenlicht ins Haus und leerten es aus, dass es hell gebe. Aber wie hell auch die Vispertaler selber waren, in ihrem Gemeindehaus ist’s finster geblieben als wie in einem Kuhmagen, und manche sagen, bis zum heutigen Tag.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch