Der Kirchturm. von Isérables
Die wackeren Bürger von Isérables im Wallis hatten den Bau ihrer Kirche vollendet. Da kam eine Kuh und liess einen Fladen just neben der Kirche fallen. Darob ward das ganze Dorf aufs äusserste entrüstet. Der Gemeinderat trat zusammen. Der Präsident ergriff das Wort und bewies den Vätern des Dorfes in einer längeren Rede, wie unerträglich es jedem Rechtdenkenden sei, das Gotteshaus neben dem Unrat stehen zu lassen. Dann bat er um Meinungsäusserungen zur Sache. Aber alle blieben stumm und schoben die Unterlefzen vor und dachten lange nach. Endlich stand einer der Klügsten auf und machte den Vorschlag, man solle die Kirche etwa zehn Meter weiter weg versetzen. Das sei gar nicht so schwer, wie es vielleicht zunächst den Anschein habe: Wenn man ein grosses Wollseil mitten um den Kirchturm schlinge, und die eine Hälfte der Einwohner ziehe dann an dem einen Ende, die andere an dem andern, dann werde es ganz leicht gehen. Alle gaben diesem Vorschlag Beifall und bewunderten die Klugheit des Mannes. Und man beschloss, alles gleich ins Werk zu setzen.
Zuerst galt es nun, das Seil herzustellen. Das übernahm der Präsident. Er verfügte, dass jede Haushaltung zehn Pfund Wolle zu liefern hätte. Die Wolle liess er spinnen und drehen. Endlich war das Riesenseil fertig. Jetzt konnte man zur Versetzung der Kirche schreiten. Der Präsident hatte die Leitung; er stand auf einem Hoger und gab das Zeichen. Da zogen alle rüstigen Einwohner mit ganzer Kraft wie ein Mann. Aber beim ersten Ruck riss das Seil, und die beiden Haufen, die wie Trauben an den Enden hingen, rollten, wie geschnellt, in die Bachrunse hinab. Da lagen sie nun alle zappelnd und schreiend übereinander und durcheinander, und ein jeder versuchte los und auf die Beine zu kommen. Vergebliche Mühe! - Die zuunterst lagen, klammerten sich an die Glieder und Kleider der über ihnen Liegenden, und so kam keiner los, wie sehr sie sich wanden und reckten und um sich schlugen. Da stürzte der Präsident herbei und mit Stockschlägen zwang er die sich festhielten, locker zu lassen. Es gab viele Verschürfte und Gequetschte, könnt ihr euch denken.
Nachdem das löbliche Unternehmen so übel ausgegangen, beschloss man, die Kirche in Gottesnamen stehen zu lassen, wo sie stand, da die Versetzung dem Himmel selber so augenscheinlich zuwider gewesen. Und nach langem Nachdenken und vielen Erörterungen fand man zuletztamend heraus, man könnte den unehrerbietigen Kuhfladen mit einer Schaufel entfernen.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch