Der saure Wein zu Zürich
Gen Zürich im Schweizerland ist ein Lanzknecht in ein Wirtshaus gekommen und hat den Wirt um Herberg begrüsst. Und der hat ihm Herberg zugesagt. Zum Nachtmahl aber stellte der Wirt dem Lanzknecht einen gar sauren Wein auf, von einem Jahr, wo die Trauben gar übel geraten waren. Wenn die Leute davon tranken, sprachen sie allemal: «Herr Gott, behüt uns, wie ist der Wein so sauer!» - also dass der Wein von jenem Jahr davon den Namen behielt: «Herr Gott behüt uns!» Als nun der Lanzknecht ass und auch von dem sauren Weine trank, da wischte er sich den Schnauzbart und sprach: «Potz tauben Ast! Herr Wirt, wie ist der Wein so sauer!» Antwortete der Wirt: «Unsere Weine hierzulande sind der Art, dass sie erst im Alter gut werden.» Da sagte der Lanzknecht: «Herr Wirt, ja wäger, und wenn der da so alt würde, dass er auf Krücken ginge, er würde nimmer gut.»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch