Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Hohe Verwandtschaft

Land: Schweiz
Kanton: Schaffhausen
Kategorie: Schwank

Zu Einsiedeln im Schweizerlande hat es sich begeben, dass viele Leute ihre Wallfahrt zu vollbringen, dahin gekommen sind. Und so geschah es, gegen Abend in einem Wirtshaus, als man ass, dass die Pilger geredet haben von der lieben Maria zu Einsiedeln, wie sie so gar gnädig wäre, auch von ihren Wunderzeichen, die sie getan hatte. Unter die Pilger war auch ein guter Gesell geraten, der nicht der Wallfahrt, sondern seiner Geschäfte halber dahin gekommen war. Der ass auch mit ihnen zu Nacht. Als nun die Pilger so viel Gutes der lieben Maria zuschrieben, redete er auch das Seine dazu und sprach: «Wie hoch schätzet ihr sie doch, sie ist meine Schwester.» Wie das die Pilger und auch der Wirt hörten erstaunten sie über diese Rede, und es war so ruchbar, dass es dem Abt auch kundgetan ward. Der tat den guten Gesellen, als er vom Tisch aufstand, fangen und über Nacht in den Turm legen. Morgens liess er den Übeltäter, weil er die liebe, würdige Mutter Gottes geschmäht hatte, und geredet, sie wäre seine Schwester, mit heftiger Klage vor den Rat stellen.  Nach langer Klage und Frage wollten sie wissen, was er damit gemeint hätte? Er antwortete: «Ja, die Maria zu Einsiedeln ist meine Schwester, und was noch mehr ist, der Teufel zu Konstanz und der grosse Gott zu Schaffhausen meine Brüder.» Der Rat entsetzte sich ob dieser Rede, und die Herren steckten die Kopfe zusammen und sprachen: «Gewiss ist dieser ein Heiligenschmäher.» Der oberste Richter fragte ihn weiter, um etwas mehr aus ihm herauszubringen: «Wie darfst du die schnöden Worte allhier ausstossen, wo von allen Landen jetzt Pilger hier sind und es allenthalben erschallen wird?» Der Übeltäter antwortete: «Ich habe recht geredet, denn mein Vater ist der Bildhauer gewesen, der den Teufel zu Konstanz gemacht hat und auch den grossen Gott zu Schaffhausen und eure Maria und auch mich, darum sind wir verschwistert.» Da lachten sie alle und liessen ihn ledig.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch