Vom Löwen
Vor langer Zeit, lebte in der Wüste ein Löwe. Er war so stark, dass er niemanden fand, der grössere Kräfte hatte als er. Wenn er hungrig war, so jagte er, was ihm vor die Augen kam. War er satt, so strich er umher, auf der Suche nach einem guten Schattenplatz.
Eines Tages begegnete er einmal einem Panther, der verletzt und mit zerkratztem Fell unter einem Baum lag.
«Was ist dir geschehen?», fragte der Löwe.
Ich bin einem Menschen begegnet», seufzte der Panther.
«Ein Mensch? Was ist das?», wollte der Löwe wissen.
«Der Mensch ist das gefährlichste Wesen auf der Welt», antwortete der Panther. «Hüte dich vor ihm!»
«Was soll dieser Mensch mir schon tun?», lachte der Löwe. «Ich bin stärker als alle anderen!» Und er ging stolz davon.
Da traf er zwei Esel, die einen schweren Wagen zogen und vor Anstrengung keuchten.
«Was macht ihr da und wie kommt es, dass ihr euch so quält’», wollte der Löwe wissen.
«Das ist der Mensch. Er hat uns vor den schweren Wagen gespannt. Wir wollten davonrennen, aber wir können uns nicht selbst befreien. Bestimmt fängt er uns bald wieder ein.»
«Ist denn der Mensch grösser und stärker als ihr?», wollte der Löwe wissen.
«Er ist listig, wie niemand sonst. Hüte dich vor ihm, sonst geht es dir schlecht!»
Der Löwe schüttelte den Kopf und sagte: «Ich kann nicht glauben, dass seine List grösser ist als meine Stärke!» Dann lief er davon.
Kurze Zeit später traf er einen anderen Löwen. Dieser jammerte und keuchte, denn sein Vorderfuss war in einem Baum eingeklemmt und er versuchte vergeblich, sich zu befreien.
«Wer hat das getan?»
«Das war der Mensch», sagte der verletzte Löwe. «Hüte dich vor ihm, sonst geht es dir wie mir. Er hat mich zu diesem Baum gelockt, ihn gespalten und mich dazu gebracht, meinen Vorderfuss in das Holz zu legen. Doch dann liess er los und jetzt ist mein Fuss im Holz gefangen und ich muss hier sterben!»
«Warte nur, das soll dieser Mensch büssen!», brüllte der Löwe. «Wenn ich ihn sehe, wird er mit dem Tod dafür bezahlen, was er dir und den anderen Tieren angetan hat!», brüllte der Löwe und machte sich wütend auf die Suche nach dem Menschen.
Mittlerweile war er hungrig geworden. Als ihm eine Maus über den Weg lief, packte er sie und wollte sie fressen.
«Lass mich am Leben, mächtiger Löwe», bat die Maus. «Ich bin viel zu klein für deinen Hunger. Aber wenn du mich am Leben lässt, so will ich dir helfen, wenn du einmal in Not bist.»
Der Löwe lachte und sagte: «Du hast recht, du bist so klein, dass es der Mühe nicht wert ist. Ich habe Wichtiges zu tun. Ich bin auf der Suche nach dem Menschen, um ihn zu strafen.»
«Denke an mich, wenn du Hilfe brauchst!», piepste die Maus, und dann sprang sie davon.
Der Löwe lief weiter. In seiner Wut und seinem Stolz sah er die Falle nicht, die ein Mensch gelegt hatte. Kaum trat er darauf, da fiel ein Netz herab und er war gefangen. All sein Fauchen und Brüllen nützte nichts, er konnte sich nicht befreien.
Doch die Maus hatte sein verzweifeltes Gebrüll gehört. Nicht lange, da kam sie an angelaufen und sagte: «Siehst du, so schnell kannst du meine Hilfe brauchen.»
Sie begann an den Seilen und Stricken zu nagen, bis endlich ein Loch im Netz entstand und der Löwe sich herauswinden konnte. Er sprach: «Eins habe ich jetzt gelernt: Die mächtigste Kraft des Menschen ist seine List und auch das kleinste Tier, kann einem einmal hilfreich sein.»
Dann liess er die Maus in seine mächtige Mähne klettern und gemeinsam gingen sie davon.
Fassung D. Jaenike, nach H. Wuessing, Altägyptische Märchen, Frankfurt a. M. 1997, und weiteren Versionen. © Mutabor Verlag