Die Geduld
Vor vielen Jahren lebte einmal ein junger Mann, der wissbegieriger war als alle anderen. Er verbrachte viel Zeit mit seinen Lehrern in der Medressa, und selbst als er heiratete, studierte er weiter. Als sein Vater starb, konnte er die Trauerzeit kaum abwarten, um seine Studien wieder aufzunehmen. Sein Wissen über die Welt wuchs beständig, aber es schien ihm immer noch zu wenig.
Da hörte er eines Tages von einem Meister, einem alten Mann, der auf jede Frage eine Antwort wusste. Von da an hatte der junge Mann keine Ruhe mehr. Er wollte den Meister finden und von ihm lernen. Er verliess seine Frau und reiste in das fremde Land, in dem der Weise lebte.
Lange wanderte der junge Mann, bis er den Meister in seiner Schmiedewerkstatt fand.
«Was wünschst du?», fragte der alte Mann.
«Das Wissen!», sagte der junge Mann. «Ich will das Wissen lernen.»
Da gab ihm der Meister den Blasebalg in die Hand und sagte: «Zieh! Und dann musst du wieder loslassen.»
Der junge Mann zog den Blasebalg, liess ihn wieder los und brachte das Feuer in der Schmiede zum Glühen.
Den ganzen Tag verbrachte der junge Mann damit, den Blasebalg zu ziehen. Eine Woche verging, ein Monat, schliesslich ein Jahr, und er sah, wie Menschen in die Schmiede kamen und Fragen stellten. Manche bekamen eine Antwort, andere erhielten eine Aufgabe, die sie wie er Tag für Tag ohne Murren und ohne ein Wort zu sprechen verrichteten.
Zehn Jahre waren vergangen, als der junge Mann die Geduld verlor, das Schweigen brach und fragte: «Meister, das Wissen. Ich möchte das Wissen erlernen.»
Aber der Meister sagte nur: «Zieh den Blasebalg», und der junge Mann ging wieder an seine Arbeit.
Abends lag er in seiner Kammer und las in den Büchern, die ihm der Meister gab. Wenn er eine Frage hatte, durfte er sie auf einen Zettel schreiben und dem Meister geben.
Oft warf der Meister die Zettel ins Feuer, dann wusste der junge Mann, dass die Frage keine Antwort wert war. Manchmal aber steckte der Meister den Zettel in seinen Turban. Dann fand der junge Mann abends die Antwort in goldenen Buchstaben am Kopfende seines Bettes geschrieben.
Zwanzig Jahre waren vergangen, als der Meister zu ihm kam und sagte: «Es ist Zeit, dass du nach Hause zurückkehrst. Du hast genug gelernt. Das Wissen, das du gesucht hast, heisst Geduld.»
Da verabschiedet sich der Mann von seinem Meister und machte sich auf die lange Heimreise. Mehr als vierzig Tage war er unterwegs und bewegte in seinem Herzen das Wort des Meisters: Geduld. Auf seiner Reise kam ihm vieles fremd vor, und er erkannte, wie wenig er nun von der Welt wusste, über die er früher so viel Wissen angesammelt hatte.
Als er in seiner Heimat ankam und sein Haus vor sich sah, dachte er an die Freude seiner Frau, an das Glück in ihren Augen, dass er wieder da war. Er wollte gerade an die Tür klopfen, als er durch das Fenster einen Blick ins Haus warf.
Was musste er sehen? Seine Frau sass auf dem Teppich und neben ihr war ein junger Mann, mit dem sie plauderte und lachte. Zorn und Eifersucht packten ihn. Er griff nach Pfeil und Bogen und wollte die beiden mit einem Schuss durchbohren. Da fiel ihm das Wort des Meisters ein: Geduld. Er steckte den Pfeil ein und klopfte.
Der junge Mann öffnete ihm und führte ihn hinein. Seine Frau erhob sich, ihre Augen leuchteten, und sie sprach: «Ahmed, mein Sohn, das ist dein Vater!»
Da fiel der Mann auf die Knie, berührte mit der Stirn die Erde und dachte: «Zwanzig Jahre habe ich Geduld gelernt und hätte doch um ein Haar meinen Sohn und meine Frau getötet. Wie gross ist die menschliche Schwäche und wie unendlich die göttliche Weisheit!»
Dann stand er auf, schloss Frau und Sohn in die Arme und lebte von nun an in Frieden und Glück mit ihnen.
Fassung D. Jaenike, aus: Die Quelle der Weisheit, ©Mutabor Verlag