Mutabor Märchenstiftung

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Wie Bitiou Pharao wurde

Land: Ägypten
Kategorie: Zaubermärchen

Bitiou  und Anapou waren Brüder. Sie lebten zusammen auf ihrem Hof und arbeiteten gemeinsam auf den Feldern. Mit ihnen im Haus lebte auch Anapous Frau. Sie wollte Bitou loswerden, und so sprach sie eines Tages zu ihrem Mann: «Als du fort warst, hat sich mir dein Bruder genähert.»

Anapou wurde darüber so wütend, dass er sagte: «Dafür soll er sterben!» 

Er nahm ein Messer, versteckte sich hinter der Stalltüre und wartete auf seinen Bruder.

Als Bitiou die Tiere vom Feld in den Stall zurücktrieb, blieb die Leitkuh auf einmal stehen und sprach: «Bitiou, geh nicht in den Stall. Dort steht dein Bruder und will dich töten.»

Da sah Bitiou den langen Schatten hinter der Tür, er lief so schnell er konnte davon.

Anapou sah ihn davonlaufen, und rannte ihm hinterher und rief: «Du wolltest mir die Frau wegnehmen – du verdienst den Tod!»

Bitiou konnte sich über einen Fluss retten. Dann blieb er stehen und antwortete: «Das würde ich niemals tun, denn du bist mein Bruder. Wir können nun nicht mehr in Frieden unter einem Dach leben. Ich gehe fort, aber wenn du siehst, dass das Wasser im Brunnen trüb wird, dann weisst du, dass mir ein Unglück geschehen ist.

So wanderte Bitiou in die Welt hinaus. Doch sein Herz war so schwer vor Kummer, dass er es nicht mehr länger ertragen konnte. Er versteckte es in einer Akazie. Von nun an fühlte er weder Freude noch Leid.

Bald darauf begegnete er einer Frau, die ihre Haare im Fluss wusch. Sie war wunderschön und ihr Duft nach Blüten verbreitete sich überall. Bitiou zog mit ihr zusammen, denn er wusste nicht, dass sie Wahrheit eine Dschinn war. 

Eines Tages fragte sie ihn: «Bitiou, weshalb höre ich keinen Herzschlag in deiner Brust?»

Da erzählte er ihr von seinem Kummer und seinem Herzen im Akazienbaum.

Die Schöne lachte ihn aus und wollte es nicht glauben. 

Am nächsten Tag zog der Pharao an Bitious Haus vorbei. Er sah die schöne Frau und wollte sie in seinen Palast mitnehmen.

«Ich komme mit dir», sagte sie, «wenn du für mich diesen Akazienbaum fällst.»

Der Pharao schickte Holzfäller zum Akazienbaum. Als der Baum fiel, starb auch Bitious Körper. Die Schöne aber zog in den Pharaonenpalast.

Zu Hause sah Bitious Bruder, dass das Wasser im Brunnen trübe wurde. Er nahm seinen Pilgerstab und machte sich auf die Suche nach Bitiou. 

Nach sieben Jahren kam er zu einem jungen Akazientrieb, in dessen Mitte Bitious Herz schlug. Anapou erkannte es sofort. Er hauchte es an und aus dem Herzen entsprang ein weisser Stier. Dieser machte sich auf den Weg zum Palast des Pharao. 

Die Schöne erkannte im Stier Bitious Seele und befahl, den Stier zu schlachten. 

Die Diener führten den Befehl aus, doch aus dem Blut des Stiers wuchsen zwei Perseabäume. Wenn der Wind wehte, dann flüsterten sie: «Unrecht ist geschehen, mein Herz wurde gebrochen.»

Die Schöne konnte diese Worte nicht ertragen und befahl die beiden Bäume zu fällen. Dabei fiel ein Splitter auf ihre Lippe. Kurze Zeit später bemerkte sie, dass sie schwanger war.

Das Kind wurde geboren. Es wuchs so schnell wie ein Baum und war so stark wie ein Stier, denn in ihm steckten Bitious Seele und Herz.

So verging die Zeit, und als der Pharao starb, bestieg  Bitiou den Thron. Am gleichen Tag jedoch starb die schöne Frau und zerfiel zu Staub.

Bitiou holte seinen Bruder zu sich und gemeinsam verbrachten sie die Jahre in Glück und Frieden.

Fassung D. Jaenike, nach: H. Gougaud, Contes d Afriques, 2009 und anderen Quellen, © Mutabor Verlag