Die drei guten Räte
Vor vielen hundert Jahren lebte zu Stalden bei Gurtnellen im Urnerland ein frommes, braves Mädchen frei und frank auf ihrem eigenen Gut, denn die Eltern waren ihr gestorben. Und da konnte es denn nicht fehlen, dass manch ein Jüngling der Gegend sie gerne zur Frau gehabt hätte, und zwei vor allen warben um ihre Hand. Der eine von ihnen, ein junger Schmied, trug die Braut davon. Früh am Morgen nach der Hochzeitsnacht, noch ehe es völlig Tag war, stand der Mann auf, während, die junge Frau noch im Schlafe lag. Er schlug den Laden auf und schaute zum Fenster hinaus und sah, so deuchte es ihn, den verschmähten Mitbewerber tot vor der Haustüre liegen. Darob erschrak er so sehr, dass er sich anzog und weit fort ging gegen Welschland, ohne Abschied, so dass niemand im Hause es inne wurde und sagen konnte, was aus ihm geworden war.
Als er ein Stück gewandert war, hielt er bei einem Meister um Arbeit an. Hier schaffte er nun ein ganzes Jahr, bis ihn eines Tages einer anredete und sagte: «Ei, Hannes, wie geht es dir?» Da dachte er bei sich: Hier bleibe ich nicht, wenn man mich kennt, und er schnürte sein Bündel und wanderte weiter und immer weiter, bis er so müde war vom Wege, dass er nicht mehr weiter konnte, Hier, wo keine Seele ihn kannte, nahm er wieder Arbeit bei einem Schmied, einem alten guten Manne, und diente ihm treu und redlich mehr als zwanzig Jahre. Da aber träumte ihm drei Nächte hintereinander, er solle wieder nach Hause gehen. Träume sind Schäume, dachte der Mann, aber er fragte doch den Meister, was er tun solle. «Nein», sprach der, «Träume sind Gäume und heut noch so wahr als wie vor hundert Jahren!» Und wenn einem gar dreimal hintereinander dasselbe träume, dann müsse man der Weisung folgen, und wie ungern er ihn auch ziehen lasse, so könne er ihm doch nicht davor sein. «Und», sprach er weiter, «was ist dir lieber: der Lohn für die zwanzig Jahre, die du mir gedient, oder drei gute Ratschläge für’s Leben?» Niemand ist klug genug, sich selbst zu raten, dachte der Schmied, und fremder Rat ist Gottes Stimme und mehr denn Goldes wert; und er antwortete, die Ratschläge wären ihm lieber. Da sah ihm der alte Meister mit zufriedenem Blick ins Auge und sagte: «Du hast gut gewählt, aber bedenke auch, kein Rat ist so gut, man folge ihm denn. Mein erster Rat ist: Meide die Abwege und folge stets der rechten Strasse. Der zweite: sei niemals gwundrig. Der dritte: handle nie im Zorn.» Unser Schmied dachte zwar, das seien billige Räte, doch da er sie dem Lohne vorgezogen, wollte er sie annehmen und getreulich befolgen. Der Meister schenkte ihm als Dreingabe noch ein Brot zur Wegzehrung. « Aber brich es nicht eher an, als bis du eine grosse Freude erlebst», sagte er noch. Dann nahmen sie voneinander Abschied.
Als der Schmied eine Zeitlang gewandert war, traf er mit zwei Handwerksburschen zusammen, die dieselbe Strasse zogen. Sie luden ihn ein, mit ihnen weiter zu wandern, und das war ihm eben recht. Bald kamen sie zu einer Strassenkreuzung, von der viele Seitenwege abführten. Da sagten die Gesellen, sie wollten den kürzeren Weg wählen, da käme man viel schneller zu dem Waldwirtshaus, in dem sie übernachten möchten. Unser Schmied aber gedachte des ersten Rates, den ihm sein Meister gegeben, und sagte, er bleibe auf der Landstrasse, auf eine Stunde früher oder später komme es ihm nicht an. «Wie dumm du bist», riefen die andern, «jetzt bricht die Nacht herein, und auf dem kürzeren Wege langen wir grad noch bei Tage am Ort an.» Er aber liess sich nicht bereden und ging allein seines Weges weiter.
Als er das Wirtshaus spät abends erreichte, bestellte er ein Abendessen und ein Nachtlager und fragte, ob vor ihm nicht zwei Gesellen angelangt wären. «Ja», sagte der Wirt und schaute den Mann seltsam an, vor einer Stunde schon seien sie gekommen, und er deutete auf den Holzschopf. «Dort sind sie», sagte er, «so hat man sie auf dem Wege gefunden.» Da lagen ihre Leichen, kalt und bleich. Sie waren von Räubern erschlagen und ausgeraubt worden. Erschrocken ging der Schmied mit dem Wirt ins Haus und wartete, bis man ihm das Essen aufstellte. Aus einem Schrank liess der Wirt ein betagtes Mütterchen heraus, das musste ihm aufwarten. Und oh Graus! - es setzte ihm die Suppe in einem Totenschädel vor, und Löffel und Gabel waren aus Totenbeinen gemacht. Das deuchte ihn so sonderbar und unheimlich, dass er eben fragen wollte, was das alles zu bedeuten hätte. Da fiel ihm der zweite Rat seines Meisters ein, und er ass und trank ruhig, was man ihm aufstellte, und ging dann zu Bette und schlief getrost ein.
Am andern Morgen früh weckte ihn der Wirt und sagte: «Du gefällst mir gut, weil du geschwiegen hast. Hättest du dem Gwunder nachgegeben und gefragt, dann lägest du jetzt still und starr bei deinen Begleitern.»
Als der Schmied beim Zunachten in sein Heimatdorf kam, ging er nicht in sein Haus, sondern in das Wirtshaus gegenüber. Er bestellte sich ein Nachtessen und ein Nachtlager. Und setzte sich derweil an ein Fenster, wo er gerade in sein Haus hinübersah, dessen Fenster hell erleuchtet waren, so dass er in die Stube hineinschauen konnte. Da sah er seine Frau im Sonntagsstaat, wie sie einen jungen schönen Mann im Priesterkleide herzte und küsste. Da kochte ihm der Zorn im Blut auf, und schon hatte er sein Messer gezogen und wollte hinübereilen, um das Weib samt dem Buben zu erstechen. Da kam ihm der dritte Rat seines Meisters zu Sinn, und er stiess seinen Dolch wieder in die Scheide. Da trat der Wirt herein mit der Suppe und erzählte ihm, dass dieser Frau gleich nach der Brautnacht der Mann auf unerklärliche Weise verschwunden sei, und niemals habe man mehr etwas von ihm gehört. Aber sie habe von ihm einen Sohn erhalten, einen aufgeweckten Buben. Der habe studiert und sei geistlich geworden, und morgen werde er hier seine erste Messe lesen. Just eben sei er vom Bischof heimgekommen zur grösste Freude seiner armen Mutter. Und morgen nach dem Amte feire das ganze Dorf die seltene Begebenheit in einem grossen Fest, zu dem jedermann eingeladen sei. «Auch ihr, guter Mann», schloss der Wirt, «seid willkommen, wenn ihr Lust habt, ob ihr gleich Fremder seid.»
Am andern Tage fand sich auch der Schmied unter den Gästen ein. Mitten unterm Mahle stand der junge Pfarrer auf, erhob sein Glas und trank auf die Gesundheit seiner Mutter und aller, die zugegen waren und dann noch besonders seines guten Vaters, wenn er noch unter den Lebenden weile. Da erhob der Schmied sein Glas und rief: «Auf eure Gesundheit nun und immerdar, du mein treues Weib und du mein lieber Sohn. Sehet, ich bin euch wiedergegeben nach so langer Zeit, euer Gatte und Vater!» Da erhob sich lauter Jubel unter allem Volk und wollte nicht enden. Jetzt nahm der Mann das Brot hervor und brach es an - siehe, da fielen funkelnde Goldstücke heraus. Es war der Lohn für die zwanzig Jahre, und kein Heller fehlte daran.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch