Der Mensch denkt - und Gott lenkt
Zwei zerlumpte Bettler gingen einst über Land. Sie hatten weder Brot noch Geld und litten solchen Hunger, sie glaubten anders nicht, als dass sie tot müssten umsinken vor Erschöpfung. Da sprach der eine: «Ach, Gott helfe mir, dass ich so grossen Hunger habe.» Der andere sprach: «Und mich berate der Herr, der gegenwärtig dieses Landes waltet, der möge mir von dem Hunger helfen, den ich leide.»
Nun fügte es sich, dass ein Diener desselbigen Herren just vorüberging und ihre Reden hörte. Der ritt heim und erzählte seinem Herrn, was er gehört. Und als dieser das vernahm, liess er den Bäcker vor sich kommen und gebot ihm, unverzüglich zwei Brote zu backen. Der tat, wie ihm befohlen. Und als die Brote gebacken waren, da hiess der Herr ihn, in den einen Laib hundert Gulden vermachen, der andere aber sollte bleiben, wie er war. Mit den zwei Broten sandte er denselben Knecht zu den Bettlern hin und hiess ihn das leichtere Brot dem geben, der Gott um Hilfe gebeten, das schwerere Brot aber sollte er dem anderen geben, der nach ihm gerufen hatte. «Und», sprach er, «bleib da und gib acht, wer besser hilft, Gott dem seinen oder ich dem meinen.»
Der Knecht tat also und trat ungesäumt vor die Bettler, gab dem ersten das leichtere Brot, und dem andern bot er das Brot mit dem Golde. Wie der das Brot in der Hand hielt, deuchte es ihn viel zu schwer, und er sprach zu seinem Gesellen: «Ach, wie schwer ist mein Brot! Es ist gewiss nicht gut gebacken.» Der andere sprach: «Nun, so gib es mir, mir ist es recht, ich esse gern lindes Brot.» Und sie tauschten ihre Laibe aus. Als nun dieser das Brot aufbrach, sprach er zu seinem Gesellen: «Mich hat Gott wohl beraten, denn das Brot ist Goldes voll.» Wie nun jener das vernahm, sprach er: «Ach, was habe ich getan! Das Brot war zuerst mir gegeben, nun sieh, wie bin ich so arg betrogen! Es wird mir ewig leid sein.» Da sprach der erste: «Ich bat Gott, dass er mir helfe, du batest, dass der Herr dieses Landes dich berate. Und nun siehst du wohl, wer der bessere Helfer ist.»
Der Knecht, der alles mit angehört hatte, was sie geredet, berichtete seinem Herrn alles. Da sprach der Herr:
« Jo, wäger, jo, ich gsehnes wol,
Kein Mänsch sich so vermässe soll:
Er möge’s besser gmache weder Gott.
Das wird ihm nur ze Schand und Spott.»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch