Undank macht Wohltat krank
Es hatte einst ein König einen Schaffner über sein Reich gesetzt mit Namen Guido geheissen, einen hochfahrenden Mann, der sich mehr deuchte als alle andern Leute, denn er wähnte, dass niemand im ganzen Lande grösser sei denn er.
Eines Tages ritt er über Land und verweilte allzulange, also dass in einem grossen Walde die Nacht über ihn kam. Dieser Wald aber war voll wilder Tiere, und der König hatte seine Jäger darin vielerlei Gräben und Gruben graben lassen, und die waren mit Astwerk Laub und Erde zugedeckt, auf dass die wilden Tiere unversehens dareinfallen möchten und also gefangen würden. Als nun der Schaffner so im Dunkel immer weiter fortritt, da fiel er mitsamt seinem Pferde in eine solche Grube und konnte nicht wieder herauskommen. Da half weder Sinn noch List. In der Grube aber befand sich bereits ein Lindwurm, der an dem Tage auch in das Loch gefallen war. Wie der Schaffner das Untier sah, da erschrak er schier zu Tode und floh in die eine Ecke der Grube, indes der Lindwurm in der andern blieb, denn der fürchtete sich hinwieder vor dem Manne.
Als es Tag ward, da kam ein armer Bauersmann mit seinem Karren zu Holze gefahren just an dieser Grube vorbei. Wie Guido die Räder knarren und den Gaul stampfen hörte, schrie er laut um Hilfe. Und der Bauer kam an die Grube. Der Schaffner bat ihn, dass er ihm doch davon helfe um hohen Lohn. Der Bauer aber sprach: «Ach mein bester Herr, ich habe nichts zu leben, darum lese ich Holz. Liesse ich meine Arbeit auch nur ein Stündlein liegen, es brächte mir grosses Ungemach, denn meine Kinder schreien nach Brot. Nein, ich darf mich nicht versäumen.» Da sprach Guido: «Wenn du mir aus dieser Not hilfst, so will ich dich reich machen an Gut und Geld, und auch der König, des Schaffner ich bin, wird dir hold werden.»
Da ging der Bauer heim und holte ein starkes Seil. Das liess er in die Grube, dass er den Schaffner daran herausziehe. Kaum war das Seil hinabgelassen, da fuhr der Lindwurm herzu, schlang sich darum, und der Mann zog ihn heraus. Der Wurm nickte ihm freundlich zu und lief in den Wald, froh, dass er also entronnen war. Nun rief der Schaffner: «Gott sei Lob und Dank du Guter, dass ich von dem Untier erlöst bin. Lass mir nun das Seil herab!» Das geschah und er gürtete es sich um den Leib, und der Bauer zog ihn heraus. Und danach zogen sie selbander auch noch das Pferd heraus. Dann bestieg Guido das Pferd und sprach zu dem Bauer: «Du hast mir den besten Dienst geleistet, den ein Mensch dem andern leisten kann. Komm morgen an den Hof, dass ich dir danken kann nach meinem Wort.» Und fort ritt er dem königlichen Schlosse zu. Der arme Bauer aber wandte sich seinem Tagewerk zu und las Bürde nach Bürde, bis die Nacht kam.
Am andern Morgen früh ging der Bauer nach dem Schlosse und bat den Torwärter, dem Schaffner zu sagen, dass der Mann gekommen wäre, der ihm gestern aus der Not geholfen. Der Torwärter zeigte es dem Schaffner an. Der aber antwortete: «Was soll das heissen? Den Bauern hab ich nie gesehen, ich weiss nicht, wer er ist. Sag ihm das und heiss ihn seiner Wege gehen.» Der Torwart ging und richtete dem Bauer des Schaffners Antwort aus. Der aber bat ihn flehentlich, dass er nochmals zu dem Herrn ginge und ihn daran mahne, wie er ohne seine Hilfe in der Grube bei dem Lindwurm hätte bleiben und elendiglich verderben müssen. Der Torwart ging wieder hinein und sagte dem Schaffner, was der Bauer ihm gesagt. Guido aber sprach: «Ich habe dir schon gesagt, dass ich den Mann nie gesehen habe. Es wird ein Tor oder ein Schelm sein, der mich zum Narren hält.» Der Torwart brachte dem Bauern den Bescheid. Der aber bat ihn um Gotteswillen, dass er den Schaffner bitte, zu ihm herauszukommen und ihn zu sehen, dann werde er ihn gewiss wiedererkennen als den, der ihn gerettet habe. Der Torwart war ein gutmütiger Mensch und ging und bat den Schaffner, dass er herauskomme und mit dem Manne selber rede. Da ward Guido zornig: «Wie, dieser Mensch wagt es, mich noch weiter zu beschweren, wo ich doch gesagt, dass ich ihn nicht kenne», schrie er und gebot, ihn mit Knütteln zu prügeln, wenn er sich nicht auf der Stelle fortpacke. Und also geschah es. Krumm und lahm geschlagen kam der arme Bauersmann heim zu seinem Weibe. Und sie schrie laut auf vor Jammer über dies neue Ungemach: dass zu aller andern Not hinzu ihr Mann nun auch noch krank liegen und zur Arbeit untüchtig sein solle, indes die Kinder Hunger litten.
Als der Bauer wieder gesund war, fuhr er wieder zu Holze. Und wie er eben daran war, Holz aufzulesen und zu bürdeln, da kam aufs Mal jener Lindwurm daher gekrochen, den er aus der Grube gezogen hatte. Der brachte in seinem Maule einen dreifarbigen Stein getragen, weiss, rot und schwarz. Er öffnete den Rachen und liess den Stein vor dem Manne fallen und machte sich eilends davon. Der Bauer hob den Stein voller Freuden auf und ging damit zu einem kunstreichen Mann und bat den, ihm des Steines Kraft zu sagen. Der Meister beschaute den Stein und erkannte dessen Kraft: dass wer ihn besässe, reich werde an Silber und Gold vor allen Menschen, und alle Menschen würden ihm hold.
Als der Bauer das hörte, nahm er den Stein wieder zu sich und ging nach Hause und gewann durch des Steines Kraft bald grosses Gut. Und er ward so reich, dass männiglich sich darob wunderte, von wannen ihm solcher Reichtum käme. Etliche argwöhnten in ihrem Sinn, er habe es gestohlen oder geraubt, denn der eine glaubt das Gute, der andere das Böse. Zuletzt am Ende kam das Gerücht davon auch vor den König, dass da ein Bauer wäre, der aufs Mal ebenso reich geworden, wie er vordem arm gewesen. Der König sprach: «Ist das wahr, so führt den Mann her zu mir, dann will ich wohl ergründen, woher ihm plötzlich solcher Reichtum kommt.» Und alsbald ward der fromme Bauer vor den König geführt. Der fragte ihn, wie es zugegangen sei, dass er wäre also reich geworden. Da erzählte der Bauer die ganze Geschichte, alles von Anfang bis zu Ende was sich zugetragen mit ihm und dem Schaffner in der Grube und dem Wurm und welchen Lohn er von dem Schaffner erhalten, als er auf sein Wort an den Hof gekommen. Wie der König das hörte da bewegten sich seine Eingeweide, und er sandte nach dem Schaffner und fragte ihn, ob die Rede des Bauern wahr wäre. Da half kein Leugnen, und Guido musste es zugestehen. Da sprach der König: «Du schlechter Mensch, dein Herz ist voller Undank, das merk ich wohl. Dieser Mann hat vom Tode dich gerettet, du aber hast ihm für Gutes Übles getan und ihm zerschlagen lassen seinen Leib. Der Lindwurm aber, des Waldes Getier, hat ihm gar wohl gelohnt, was er an ihm getan. Zur Strafe sei Gewalt und Würde dir genommen und alles, was du hast, den Armen gegeben, und verstossen seiest du ins Elend.»
Was Guetes hie uf Erden g’schieht, Das lat Gott ungelohnet nit.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch