Das unbekannte Tier
Es war einmal ein armes Bäuerlein, das war so arm, es wusste nicht einmal mehr, ob die Blutzger und Batzen rund oder eckig wären. Und nun kam gar noch der Zinstag heran, und der Geldherr liess nicht mit sich spassen. Da hiess es bloss: «Das Geld auf den Tisch gezählt, harte Taler blank und bar - oder dein Gütlein, Mann, ist mein!» Aber woher das Geld nehmen und nicht stehlen? - denn niemand wollte dem armen Knauser welches vorstrecken, die lieben Nachbarn schon gar nicht. «Ach», rief der Bauer aus, als er eben seinen Acker pflügte und mitten in der Furche einen Stein aufhob, «wenn mir in Gottes Namen niemand Geld geben will, so soll mir der Teufel geben!» und er trieb seinen Gaul an.
AIs er ans Ende des Ackers kam, da sah er unter dem Kirschbaum ein wunderliches Männlein, russig im Gesicht mit grünen stechigen Äuglein. Das kam auf ihn zu und sagte, grad als wär’s ein alter Bekannter: «Nun, was hast du denn zu jammern, guter Freund? - So, so, Geld musst du haben. Ja, wenn’s weiter nichts ist! - Ich will dir, was du brauchst, und mehr als das, vorschiessen, wenn du mir heute nach einem Jahr ein Tier zeigen kannst, das ich noch nie gesehen habe.» Unser Bauer machte Augen wie Pflugsräder und wusste nicht, was er sagen sollte, als aber das Männlein blanke Silbertaler und funkelnde Goldstücke hervormachte, da sagte er ja, noch ehe ihm das Wort aus dem Mund fiel. Nun gab ihm das Männlein soviel Geld, als er nur wollte. Der Bauer spannte den Gaul aus ob es auch noch lange nicht Feierabend war, ging stracks heim und bezahlte den Geldherrn noch am selbigen Abend.
Aber von dem Tage an war der Mann mehr im Wirtshaus als auf dem Acker zu finden, denn mit des Teufels Geld lebt sich’s leicht, und wer’s hat, der meint, die Erde sei schon der Himmel. Und das ging denn so seine Zeit. Als aber der Jahrestag des Handels nahte, da war es ihm denn doch minder wohl zu Mute, und schlaflos wälzte et sich des Nachts in seinem Bette. Davon erwachte schliesslich die Frau. «Was hast du nur?» fragte sie. «Du wälzest dich fortwährend hin und her und redest laut wirres Zeug und störst mich im Schlaf.» «Oh! wenn du nur wüsstest, wenn du nur wüsstest!» stöhnte der Mann. «Nun, was denn? Ich kann es doch nicht wissen, wenn du es mir nicht sagst!» «So höre nur, Frau!» flüsterte der Bauer. «Der Teufel hat mir das viele Geld gegeben, und ich habe mich verpflichtet, ihm morgen ein Tier zu zeigen, das er noch nicht gesehen hat.» «Oh, wenn es weiter nichts ist, als das!» sagte die Frau, «so lass nur mich machen. Der soll ein Tier sehen, wie es keines sonst gibt weder hier auf Erden, noch wo er daheim ist.» Sprach’s, stund auf und ging in die Küche, holte Honig und Mehl. Dann zog sie sich aus, bestrich sich vom Scheitel bis zur Sohle mit Honig und streute Mehl darüber. Dann schnitt sie das Federbett auf und wälzte sich in Flaumfedern. «So, jetzt bin ich fertig», sagte sie, «lass uns gehen.»
Der Bauer spannte vor, lud sie auf den Karren, fuhr sie auf den Acker hinaus und stellte sie unter dem Kirschbaum ab. Die Frau legte sich auf alle Viere, und der Zopf hing ihr übers Gesicht ab.
Da war auch schon der Teufel zur Stelle, besah das seltsame Geschöpf lange von allen Seiten. «Wahrlich», sagte er zuletzt: «Das Tier kenne ich nicht. Es ist nicht ein Tier und nicht ein Mensch. Es hat nicht Haar, es hat nicht Federn. Den Schwanz hat es am Kopf und das Euter zwischen den Vorderbeinen. Da kommt der Teufel nicht mehr draus!» Und verschwunden war er.
«Siehst du, Mann, dem haben wir den Meister gezeigt. Der kommt nimmermehr wieder,» sagte die Frau, und fröhlich sind sie selbander heimgefahren.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch