Wie einer die Stummheit seiner Frau kurierte
Es ist gar nicht manches Jahr her, dass in der Eidgenossenschaft diese Geschichte sich zugetragen hat: Da war auf einem Dorf im Luzernbiet ein Sigrist, ein frommer, einfältiger Mann. Der war aber auch ein guter Musikus und vortrefflicher Sänger, weshalb er denn auch häufig in Gesellschaft gebeten und zu festlichen Anlässen gerufen wurde. Sein Weib liess er aber allemal hübsch daheim, denn da sie das längere Messer im Hause trug, so war mit ihr nicht gut Kirschen essen, und doch war der Mann allzeit gut zu ihr und gab ihr reichlich, so dass sie vollauf zu leben hatte, eingedenk des alten Spruches:
«Tue den Frouwen allzyt wol Und dien ihn’ als man billig soll.»
Es half aber alles nichts, denn wann er heimkam, so stand sie schon unter der Türe und schrie und schalt und schmähte ihn, dass es ihm die Rede verschlug, ehe er ein Wort gesagt. Mit der Zeit aber war der gute Mann der bösen Reden seines Weibes so gewohnt worden, dass er kaum mehr darauf achtete. Er meinte, es könne nicht anders sein. Wie aber die Frau das merkte, da ward sie erst recht böse. Wart, ich will dir schon dafür tun, dachte sie bei sich, das soll dir nicht also hingehen. Und als er das nächste Mal wieder nach Hause kam und nach seiner Gewohnheit freundlich grüsste, da redete sie kein Wort. Der Sigrist erschrak und dachte, was ihr doch möchte geschehen sein, dass sie also stumm wäre, sie sei gewiss gefährlich erkrankt. Da fiel ihm ein, wie sie voreinst in der Gemeinde einen Pfarrer gehabt, einen alten Mann - dem stand auch zuweilen die Rede still, und allemal, wenn ihm das geschah, so gab der Pfarrer ihm Geld und schickte ihn gen Luzern in die Apotheke, dass er ihm Schwarzkirschenwasser hole, und sobald er davon einen Schluck getrunken hatte, kam ihm die Rede wieder. Dessen entsann sich nun der Mann, er hatte aber nicht viel Geld, und es war Winter und der Weg über die Berge rauh und weit, denn es waren wohl vier Meilen in die Stadt. Er dachte hin und her, zuletzt kam ihm ein schwarzer Kirschbaum in den Sinn, der stund ein gut Stück Weges vom Dorf im Felde draussen. Er ging also hinaus und hieb einen guten handvölligen Bengel davon ab; denn er dachte, das Holz möchte wohl die gleiche Kraft haben, wie das Wasser. Er ging mit dem Bengel wieder heim und rieb ihn der Frau so wohl über die Lenden und wo er sie sonst treffen mochte. Und das geschah zu so guter Stunde - ihr kam die Rede auf der Stelle wieder, so dass man’s drei Häuser weit hören konnte. Seither aber war die Frau gar brav und gut und wusste nicht, was sie ihrem Manne sollte zuliebe tun.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch