Der Untergang von Plurs
Am Ausgang des Bergeller Tals gegen Cleven zu lag vor alters hoch am Hang des Monte Conto das Städtlein Plurs, reich an Volk und reich an Geld, und stattlich gebaut mit prächtigen Palästen, wie nur irgendeine grosse Stadt im Land Italien, Mailand, Venedig oder Verona. Die Bürger hatten sich des Seidenhandels nach Italien bemächtigt und betrieben obendrein noch den Bau edler Metalle. Am Rothorn oberhalb Churwalden besassen sie Silbergruben; die waren so ergiebig, dass Tag und Nacht der Zug der Maultiere unterwegs war, die das Erz zur Schmelze trugen. Aber wo es Gold vorregnet, da regnet es Laster nach; denn Gut macht Mut, Mut Übermut und Übermut tut nimmer gut: Die Plurser verbrachten nämlich ihre Tage sämtlich in Saus und Braus, frönten der Völlerei und Wollust und spreizten sich in Eitelkeit und Prunksucht. Alles, was nicht Gold hatte und Gold einbrachte, das diente dem Volke nur zum Spott. Man schämte sich der Erinnerung, dass man von armen Berghirten abstammte und noch seit Menschengedenken in eben solchem grobem Wollrock einhergegangen, wie jeder andere Senne in der nächsten Alphütte auch. Doch solch Lotterleben macht die Sinne schal und die Seelen leer und öde, und bald stachelt Langeweile die Erschlaffung zu Frevelmut und Ruchlosigkeit.
Es war an einem schönen Sommertag, dem 24. August des Jahres 1618, als eine grosse Hochzeit unter zwei der vornehmsten Geschlechter zu Plurs gefeiert wurde. Die Gäste alle kamen in Samt und Seide, Brokat und Spitzenwerk, und gar das Brautpaar war mit goldenen Ketten und Perlengeschmeiden über und über behangen und wanderte unter einem goldgestickten Seidenbaldachin einher. Die Gasse vom Hause bis zur Kirche war mit den kostbarsten Teppichen des Morgenlandes belegt. Darüber schritt der Hochzeitszug mit goldenen und silbernen Schuhen. Am Hochzeitsmahle wurde von goldenen Tellern gespeist und aus goldenen Bechern getrunken, indess in der Küche im Herde unter den gewaltigen Töpfen und Pfannen vom schönsten Kupfer Zimmetrinde und Sandelholz im Feuer knisterten. Und die Marmorwände des Saales blinkten von kunstreichen Verzierungen aus eingelegten Edelsteinen. Nach der Tafel lustwandelte die ganze Gesellschaft scherzend und lachend am Ufer der Maira hin, um nach dem Mahle Atem zu schöpfen für die Lustbarkeiten des Abends. Da trafen sie ein schneeweisses Lämmlein an, das bräkte kläglich nach der Mutter. Das missfiel den zarten Ohren der Braut. Da stach einen der Gäste der Teufel, dem Tierchen lebendig sein silberflockiges Fellchen abzuziehen. Gedacht getan - und wenige Augenblicke später stand das arme Geschöpflein im nackten Fleische da, zuckte und zappelte wimmernd vor Weh und verendete kläglich. Das deuchte alle ein höchst munterer Scherz, und keiner hob eine Hand, um den Frevel zu hindern, und kein Wort wurde laut, die Untat zu rügen. Nein, fröhlich und guter Dinge kehrte man in die Stadt zurück, tanzte im Saal und auf dem Platze draussen ausgelassen in die Nacht hinein, und ununterbrochen floss allem Volk zur Feier des Tages aus den Brunnenröhren roter und weisser Wein.
Am Abend desselben Tages kam beim Zunachten ein Bündner Säumer mit seinen Saumrossen im Städtchen an und wollte wie gewohnt abladen und stallen. Aber das Vorross bäumte sich störrisch und wollte durchaus nicht haltmachen, sondern lief, ehe der Mann es hindern konnte, auf und davon und der ganze Zug hinterdrein. Der Säumer setzte ihnen nach und brachte sie nur mit Mühe zurück. Aber das Vorross riss sich abermals los, und die andern folgten ihm wieder nach. Der Säumer holte sie abermals zurück. Aber wieder brach das Vorross aus und trabte schiefen Schrittes bergwärts dem Bergell zu, und die übrigen trabten ihm auf den Eisen nach. «Nun, so lauft halt in Gottes Namen zu!» brummte der Säumer unwirsch in seinen Bart und stapfte geschwinden Schrittes hintendrein. Kaum aber war er ein Stück vor die Stadt hinausgekommen, da erscholl ein Donnerkrachen hinter ihm und ein Getöse, als berste die Erde, der Boden bebte, und der Gipfel des Monte Conto stürzte zu Tal und begrub das ganze Städtlein Plurs unter seinen Trümmern, und keine Maus ist entkommen. Der Säumer aber schlug das Zeichen des Kreuzes über sich und dankte Gott für seine wunderbare Rettung.
An jenem Tage, da Plurs unterging, wurde übrigens mancher Säumer oder Fuhrmann im Bündnerland und in der unteren Schweiz mit einem Schlage ein reicher Mann; denn nun waren die Seidenballen und anderen Frachtgüter der Plurser herrenlos geworden und blieben in seiner Hand. Ein Fuhrknecht, der also über Nacht reich geworden, liess sich bald danach zu Basel einen prächtigen Garten mit Einfahrt und Portal anlegen und setzte die Inschrift darauf:
« An Gottes Segen ist alles gelegen.»
Ein Packknecht aus dem Mauthause, der gar wohl wusste, welchen Weg dieser Segen gekommen war, schrieb darunter:
«Du hättest wenig Segen,
Wenn Plurs nicht wär erlegen!»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch