Mutabor Märchenstiftung

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Verwüstung der Schrattenfluh

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental
Kategorie: Zaubermärchen

Früher, so heisst es, war bei der Schrattenfluh eine prächtige Alp. Sie gehörte einem reichen Bauern, der drei Söhne hatte. Der Jüngste von ihnen war blind und musste jeweils im Dorf bleiben, während die beiden anderen im Sommer mit den Kühen auf der Alp waren. Als jedoch der Vater starb, bekam der Jüngste Sehnsucht nach seinen Brüdern. Er machte sich auf den gefährlichen Weg und kam auch sicher bei ihnen an. Doch die beiden freuten sich gar nicht über den Besuch. Sie lachten ihn aus und sagten: «Was willst du hier? Geh wieder nach Hause!»

Der blinde Bruder liess sich jedoch nicht abweisen, und so assen sie wohl oder übel mit ihm zu Tisch. Doch statt dem Ziger, füllten sie Kuhmist in die Milch. Sie lachten sich die Bäuche voll, als der Bruder das Gesicht verzog. Da stand der blinde Bruder traurig auf und sprach: «So hart und herzlos, wie ihr seid, soll auch diese Alp sein!»

Nach diesen Worten machte er sich auf den Heimweg. Nicht lange darauf lösten sich Felsen von der Schrattenfluh und begruben die saftigen Wiesen unter sich und schon nach kurzer Zeit wuchs dort kein Grashalm mehr. Was aus den Brüdern wurde, wird nicht erzählt, aber die Schrattenfluh erinnert bis heute an ihre Hartherzigkeit.

Fassung D. Jaenike, nach: T. Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858. © Mutabor Verlag