Das Seufzen der Zwerge
Vor langer Zeit arbeitete ein junger Mann auf der Alp Salwiden und half dem Senn beim Melken und Käsen. Doch er arbeitete oft unachtsam, war grob zu den Tieren und fluchte bei jeder Gelegenheit. Eines Tages stiess eine Kuh einen ganzen Eimer Milch um. Darüber fluchte der junge Mann vor Ärger laut und lange. Da hörte er aus der hintersten Ecke des Stalls ein Seufzen. Er ging hin und suchte, fand aber niemanden.
Am Abend erzählte er dem Senn on dem Seufzen, das er gehört hatte.
«Wer weiss, wer sich da im Stall versteckt», meinte der Senn. «Ich verstecke mich morgen im Stall, und dann schauen wir, ob ich jemanden entdecken kann.»
Am nächsten Tag verschüttete der junge Mann absichtlich etwas Milch und fluchte laut dazu. Da hörte man das Seufzen wieder deutlich, und auch der Senn hatte es gehört. Doch sie konnten niemanden entdecken, obwohl der junge Mann es immer wieder hörte.
So verging der Sommer. Als der Herbst kam, verschlossen sie die Alphütte und zogen mit den Kühen ins Tal. Unterwegs merkte der junge Mann, dass er seine Uhr vergessen hatte. Er kehrte um und kam keuchend zur Alphütte zurück. Doch die Tür stand offen, und in der Hütte waren lauter Zwerge dabei, Käse zu machen.
Der junge Mann fluchte vor Schreck. Da trat eine uralte Zwergenfrau auf ihn zu und sagte: «So oft hast du diesen Sommer geflucht und uns damit die Milch verdorben. Denn alle verschüttete Milch gehört uns. Wir machen daraus Käslein, die niemals enden und helfen damit jenen, die in Not sind. Aber Milch, über der geflucht wurde, ist für uns verloren. Geh fort und kehre nicht wieder zurück!»
Der junge Mann ärgerte sich über die Worte der Zwergenfrau. Er baute sich vor ihr auf und sagte: «Du kannst mich nicht zwingen!», rief der junge Mann verärgert und baute sich vor der Zwergin auf.
Da wurde die Zwergenfrau auf einmal grösser und grösser, bis sie so gross war wie eine Riesin. Der junge Mann riss erschrocken die Augen auf und rannte davon. Als er im Tal ankam, legte er sich zitternd und schwitzend ins Bett. Er starb im folgenden Winter.
Seitdem hörte man keinen Fluch mehr auf der Alp, und die Bauern im Sommer die Tiere hochbringen, dann sagen sie: «Bhüet is Gott».
Fassung Djamila Jaenike, nach: H. Wahlen, Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, Bern 1962, Das Zwergenweiblein und der fluchende Senn