Die singenden Erdmännlein
Seit jeher bringen die Emmentaler Bauern im Sommer ihre Kühe auf die Alp. Meist ging ein Knecht als Hirte mit, dazu ein Melker, der sich auch um die Milch und den Käse kümmerte. Ein solcher Melker bemerkte einmal, dass in der Alphütte Erdmännlein wohnten. Wenn er ganz still war, konnte er sie singen hören. Bald wusste er wann sie hervorkamen, um zu singen, und so ging er einmal zu ihnen und sagte: «Ihr singt so schön! Darf ich eure Lieder lernen?“
Die Erdmännlein sagten: „Gut, du darfst die Lieder lernen. Aber vergiss nicht, dass du niemandem verraten darfst, von wem du sie gehört hast.»
Er versprach, sich daran zu halten und so lernte er von den Erdmännlein die wunderbaren Lieder. Von nun an sang er den ganzen Tag, und seine Stimme klang weit über die Emmentaler Hügel.
Das hörte auch der Knecht. Er fragte: «Was sind das für schöne Lieder? Woher kennst du sie?»
„Das ist ein Geheimnis“, sagte der Melker und schwieg.
Darüber ärgerte sich der Knecht sehr und fragte immer wieder nach, bis der Melker schliesslich sagte: « ch habe sie von den Erdmännlein gehört.“
Zu spät merket er, dass er das Geheimnis verraten hatte. Von diesem Tag an, wollte ihm keines der Lieder mehr einfallen und auch die Erdmännlein waren verschwunden.
Doch vielleicht ist ein wenig von diesen zauberhaften Liedern übrig geblieben – woher sollten sonst die wunderbaren Kuhreihen kommen, die die Emmentaler singen?
Fassung Djamila Jaenike, nach: H. Wahlen. Emmentaler Bern1963 ©Mutabor Verlag