Das Mädchen und die Krönleinschlange
Es lebte einmal ein armes Mädchen, das bei einem Bauern als Magd arbeitete. Sie half im Haus und auf dem Hof und molk morgens und abends die Kühe. Eines Tages, als sie im Stall die Milch zusammentrug, kam auf einmal eine Schlange zur Tür hereingekrochen. Sie glänzte im Mondlicht und trug eine goldene Krone auf dem Kopf. Dem Mädchen fiel ein, dass die Krönleinschlangen gerne Milch trinken. Da grub sie mit den Händen eine kleine Kuhle in den lehmigen Boden und goss etwas Milch hinein. Die Schlange trank zufrieden, bis nichts mehr übrig war, und verschwand dann wieder.
Von diesem Tag an kam die Schlange jeden Abend, und das Mädchen stellte ihr ein Schüsselchen mit Milch hin. Dem Bauern aber, wollte sie nichts davon verraten. «Bestimmt jagt er mich davon, wenn er erfährt, dass ich der Schlange von der Milch gebe», dachte sie.
Der Bauer aber bemerkte, dass dem Mädchen etwas auf dem Herzen lag. Sie war nicht mehr fröhlich, sondern still geworden. Und so fragte er einmal: «Was bedrückt dich, dass du nie mehr lachst?»
Das Mädchen wollte erst nichts sagen, aber schliesslich erzählte es doch von dem Geheimnis mit der Schlange.
«Eine Krönleinschlange bringt Glück!», rief der Bauer aus. «Sei wachsam und schau was geschieht, aber ich bin sicher, dass sie dir wohlgesinnt ist.»
Die Schlange wurde immer zutraulicher und schlief bald in der Kammer des Mädchens. Nach einiger Zeit kam ein junger hübscher Bauer und hielt um die Hand des Mädchens an, obwohl es doch so arm war. Als der Hochzeitstag kam, war die Schlange verschwunden. Nur die Krone lag noch da.
So hatte die Krönleinschlange Glück gebracht. Aus der armen Dienstmagd wurde eine tüchtige Bäuerin mit einer grossen Kinderschar. Bestimmt erzählte sie ihren Kindern die Geschichte von der kleinen Schlange mit der Krone und dass man nie weiss, ob nicht das Glück auf einen wartet.
Fassung Djamila, nach: E. L. Rochholz, Naturmythen. Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1862, ©Mutabor Verlag