Mutabor Märchenstiftung

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Die Schätze in der Schrattenfluh

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental, Entlebuch
Kategorie: Sage

Ein Schafhirt verbrachte jeden Sommer mit seinen Tieren auf der Alp nahe der Schrattenfluh. Im Herbst trieb er sie dann wieder ins Tal. Da bemerkte er einmal, dass ihm ein Schaf fehlte. So sehr er auch suchte, er konnte es nicht finden.

Als er im Jahr darauf die Schafe wieder in Richtung Schrattenfluh trieb, kam ihm das Schaf entgegen. Es blökte fröhlich und war rund und gesund. 

«Wo hast du wohl den Winter verbracht?», fragte der Hirte. Er beobachtete, dass das Schaf oft an anderen Stellen frass als die Herde und nachts immer wieder verschwand.

«Warte nur», dachte er, «ich werde herausfinden, wo du immer hingehst.»

Am nächsten Tag überliess er die Herde den Hunden und folgte dem Schaf.  Es verschwand in einer Felsenritze der Schrattenfluh und der Hirte ging ihm hinterer. Da kam er in eine Felsenhöhle, in der grosse Kriegspferde standen, die schon seit vielen Jahren zu schlafen schienen. Dann bemerkte er ein Tor. Kaum hatte er es berührt, öffnete es sich und er gelangte in einen prächtigen Saal. Dort stand ein langer Tisch, an dem Ritter in ihren Rüstungen sassen und schliefen. Plötzlich hob der Heerführer den Kopf und fragte: «Wie lange noch?»

Der Ritter neben ihm antwortete: «Noch dreihundert Jahre!»

Darauf schliefen sie wieder ein. Der Hirte schaute sich um und entdeckte Truhen voller Gold und Edelsteine. Er dachte: «Wenn die Ritter dreihundert Jahre schlafen, brauchen sie das Gold nicht. Ich könnte davon mitnehmen.» 

Er schlich hinaus und merkte sich den Weg gut, denn er wollte später mit grossen Säcken zurückkehren und sie mit dem Gold füllen.

Doch als er wieder zu der Stelle in der Felswand kam, war der Eingang zur Höhle verschwunden und auch das Schaf kehrte nicht mehr wieder zurück. 

 

Fassung Djamila Jaenike, nach: H. Wahlen, Emmentaler Sagen, Bern 1962, unter dem Titel «Das Heer in der Schrattenfluh» ©Mutabor Verlag