Mutabor Märchenstiftung

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Der Kahlkopf

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Es war da vor Zeiten ein Ritter, ein kühner Degen und starker Recke, der war kahl wie ein Ei, und nicht ein Härlein mehr war auf seinem Haupt, das Gott hätte zählen können. Das deuchte den wackeren Mann ein arges Übel und böse Schmach, und so verhehlte er seinen kahlen Kopf, indem er sich eine kunstreiche Haube mit falschem Haare überband. Also sei er vollkommener Gestalt, wie es für einen edlen Rittersmann sich zieme.

Einmal nun kam er auf seiner Fahrt durch Land und Länder an eines Königs runde Tafel, daran viel guter Ritter sassen und tranken roten Wein aus goldenen Pokalen, jederzeit gewärtig und bereit, zu reiten und zu streiten. Dahin kam unser Rittersmann und ritt so stolz und hochgemut über den Hof, dass alle seine Kühnheit sahen, und forderte lauten Schalles die besten von des Königs Mannen zum Kampf heraus. Und mit wehrlicher Hand zersplitterte er manchen starken Lanzenschaft und hub die Gegner alle aus dem Sattel und warf sie hintenüber in den Sand, so dass ihm einhellig des Tages Preis zuerkannt ward und er grosse Ehre gewann. Aber beim letzten Aufeinanderprall hatte ihm der Speer des des Wiederparts den Helm samt der Haube drunter abgestossen. Und sein kahler Schädel schien weithin sichtbar im Sonnenlicht, so dass männiglich es sah , die Damen und die Herren und alles Volk. Da erhub sich Gelächter ringsum, und Spottworte wurden laut. Er aber sprach: «Ei, ihr Leute, was macht ihr auch für einen Lärm daraus, dass mich einst in jungen Jahren schon mein rechtes Haar gelassen und nun, ein bestandener Mann geworden, auch die Haube mit den falschen Haaren, die meine Blösse hehlen sollte. Denn wenn einem erst das Haar abfällt, das von Natur am Haupt gewachsen ist, dann ist`s doch wahrlich ein Wunder nicht, dass einem die Haube mit fremdem Haar abfällt, eh man sich’s versieht. Es trügt der Schein; denn der ist nur erborgtes Licht und muss zergehn. Drum: wer dem Schein vertraut, der täuschet sich und andere, bis er erlischt, und die Wahrheit nackt und bloss zutage tritt.» Wie die Leute diese Rede vernahmen, da schwiegen sie stille, und Spott und Lachen verstummten.

Der dünket mich ein wyser Mann, Der also Spott zerstören kann.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch