Die drei guten Lehren
Einst hatte ein Weidmann ein Vögelein gefangen, das war klein, flink und fein. Es war eine Nachtigall. Als der Jäger es in seiner Hand hielt und es töten wollte, da ward dem Vöglein plötzlich das Vermögen zu reden verliehen, und es sprach: «Mensch, lass mich fliegen, was nützt es dir, wenn du mich tötest? Du könntest nicht einmal deinen Magen mit mir füllen und satt werden von mir. Aber wenn du mich fliegen lässest, so will ich dir drei Lehren geben. Mit denen wirst du dein Glück machen, behältst du sie wohl.» Der Jäger erstaunte, als er das Vöglein also reden hörte, und er sprach: «Sag an Vogel, was mag das sein?» Da sprach das Vögelein: «Höre zu und merke auf: Glaube niemals, was unglaublich ist. Denn nimmer soll man glauben, was nie geschah und nie geschieht und nie geschehen wird. Das andere ist: Hege niemals in deinem Herzen weder Leid noch Zorn um Dinge, die unwiederbringlich verloren sind; denn das bringt niemand Nutz und Frommen. Und nun vernimm die dritte meiner Lehren: Suche nicht zu haschen, was du nicht erreichen kannst. Denn wer dieses Gebotes nicht achtet, macht schmählich sich zu Schanden und wird aller Welt zum Spott. Bewahrest du diese drei Stücke, dann bist du ein weiser Mann, und es wird dir künftig immer wohl ergehen.» Den Jäger deuchten diese Lehren gut, und fröhlich liess er die Nachtigall alsbald fliegen. Die flog auf einen hohen Baum, zwitscherte und sang ein Weilchen aus voller Kehle, dann sprach sie: «Mann, du bist ein rechter Tor, dass du mich hast fliegen lassen, zu deinem eigenen Schaden, trag ich doch in meinem Leibe einen kostbaren Edelstein, grösser als ein Straussenei. Wer den besitzt, dem kann keine Pein geschehen, denn der zerstört das stärkste Gift, und Glück und Segen sind immerdar mit ihm. Der Edelstein ist dir nun verloren.» Da gehub sich der Jäger übel, er stampfte vor Zorn und schüttelte die Fäuste nach dem Vogel und schrie und schalt, dann wieder bat und lockte er und versuchte mit seinem Garn an dem glatten Stamm emporzuklimmen, um den Vogel auf seinem Ast zu haschen. Der aber hüpfte von Zweig zu Zweig und sprach: «Du bist ein Tor und bleibst ein Tor! Ein Narr ist darum ein Narr, dass er redet, was ihm einfällt. Kaum gehört, so hast du meine Lehren schon vergessen; denn du glaubst ein Ding, das nicht zu glauben ist. Wie könnte ich in meinem kleinen Leibe einen Stein bergen, der grösser ist als ich. Und dann grämst du dich und zürnest in deinem Herzen, weil du verloren hast, was du nicht wiedergewinnen kannst. Denn wie sehr du dich auch mühest und plagst, du wirst mich nimmer fangen, weder mit deinen Händen noch mit deinem Garn. Der Zorn aber beginnt mit Torheit und endet mit Reue.» Sprach’s, schüttelte die Flügelein und flog davon. Der Jäger aber stand mit offenem Munde da, schüttelte den Kopf, tupfte sich an die Stirn und sprach zu sich selber: «Ein Narr ging in den Wald hinaus, und ein Tor kam wieder heim.»
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch