Der seltsame Kirchgang
Zu Compadials im Bündnerland hütete einst ein Knabe die Geissen an einer Steinhalde des Piz Gliems. Wie die Tiere so rundum im Gerölle umherkletterten und abzupften und knapperten, was da wachsen mochte, sass der Bube auf einem Stein und dachte, wie er so viel lieber in die Kirche gegangen wäre, um die Messe zu hören, statt hier oben in der Bergöde die Geissen zu hüten. «Aber», sprach er plötzlich laut vor sich hin, «das geht nicht wohl an, es ist zu weit!» «O nein!» sprach’s da leise hinter ihm. Erschrocken wandte der Hirte sich um und erblickte einen Knaben seines Alters hinter sich, der sagte: «Wenn du zur Kirche gehen willst, so komm nur mit mir. Eben läutet’s in Einsiedeln zum Amte. Wir kommen gerade noch recht, wenn wir gleich gehen.» «Ja, ich wollte schon von Herzen gern, aber wer lugt derweil zu den Geissen?» «O, sei unbesorgt, die laufen nicht weg. Komm schnell, es läutet bald aus!» Da gingen sie miteinander, der Bube und der fremde Knabe, und nachdem sie einige Schritte gegangen, betraten sie eine unbekannte Gegend. Und schon standen sie vor der Kirche Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln.
Sie wohnten dem Hochamt bei. Dann gingen sie noch im ganzen Ort herum, und der Hirte, der seiner Lebtage solche Herrlichkeiten nie gesehen, konnte sich gar nicht satt daran sehen. Und also sehr staunte und sann er, dass er aufs Mal seinen Gefährten verloren hatte. Schon sank die Sonne hinter den Bergen, und die Schatten mahnten ihn, dass es Zeit sei, eiligst heimzukehren. Da ward ihm angst und bang, wie er ohne den Führer den Rückweg finden sollte. Ratlos stand er da, und wenig fehlte, er hätte geweint. Da aber stand aufs Mal der fremde Knabe wieder hinter ihm. «Komm nur mit!» sagte er und nahm ihn bei der Hand, und nach wenigen Schritten waren sie wieder an der Gand ob Compadials, wo die Ziegen alle noch munter weideten. Im selben Augenblick aber war auch der fremde Junge wieder verschwunden.
Seit dem Tage trieb der Bub seine Geissen stets an jene Halde, und sooft er zur Kirche gehen wollte, fand der Führer sich ein und brachte ihn nach Einsiedeln in die Messe und wieder zurück. Das war nun gut und wohl, aber mit der Zeit nahm es den Hirten denn doch wunder, wodurch denn der Weg gehe, den sie allemal beschritten. Denn, dachte er, wenn er ihn selber finde, dann könnte er auch selber wieder andere nach Einsiedeln geleiten ohne die Hilfe seines Führers und sich dadurch Geld verdienen. Und eines Tages nahm er kleine Holzspäne mit, um sie von Schritt zu Schritt in die Erde zu stecken. Aber wie er sich bückte, um den ersten einzustecken, und wieder aufschaute, da war der fremde Knabe verschwunden, und er fand sich weit, weit in den Bergen auf einem hohen Gipfel sitzen. Drei volle Tage hat er gehen müssen, bis er diesmal wieder daheim war. Und mit dem Kirchgang nach Einsiedeln war’s für immer aus.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch