Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Schnelle Heimkehr

Land: Schweiz
Kanton: St. Gallen
Kategorie: Sage

Vor hundert Jahren oder mehr waren einst drei junge Gesellen von Rapperswil am Zürichsee in die weite Welt gewandert, um sich umzutun und etwas Rechtes zu lernen. Aber mit den Jahren überkam sie das Heimweh stark und stärker, und zuletztamend trieb es sie mit aller Gewalt nach der Heimat.

Sie nahmen also den weiten Weg wacker unter die Füsse. Eines Abends beim Zunachten mitten in einem finstern Walde klopften sie an einem einsamen Häuschen an, das abseits auf einer Lichtung stand. Ein uraltes Mütterchen, staudendürr, mit einem spinnewebfarbenen Gesicht tat die Tür auf und hiess sie freundlich willkommen. «Ihr kommt spät», sagte sie, «aber allemal früh genug». Die drei Burschen traten ein, legten ihre Säcke ab und streckten die müden Beine mit den staubigen Schuhen unter den alten wackeligen Stubentisch, indes die Alte in die Küche hinaushumpelte, um einen Imbiss zu richten. «Ach», sprach da der eine missmutig, «ich wollte auch, ich wär schon daheim, denn Morgen ist Kirchweih, und da backen sie Küchlein und Kräpflein - bessere gibt’s nirgends im Schweizerland und in der ganzen Welt nicht.» Der zweite seufzte schwer und sagte: «Oh, wie ist der Weg noch weit! Es mag noch Wochen gehen, ehe ich daheim bei der Mutter bin. Und sie ist schon alt und ich möchte sie um alles in der Welt noch einmal sehen.» Der dritte stöhnte und sprach: «Ach, wer weiss ob wir je heimkommen werden - der Weg ist weit und ungewiss die Reise, und ob mein Bäbeli solange warten will? Denn Rapperswil hat gar viele Dächer, und es gibt andere hübsche Burschen genug. Oh, wär ich doch heut schon daheim!» So grochzten die drei Burschen. Da brachte die Alte das z’Nacht herein. «So, so», sprach sie und tischte auf, «ihr guten Gesellen, wenn’s weiter nichts ist, was euch das Herz beschwert, da könnte wohl Rat werden.» Da lachten die Burschen laut auf und meinten, es sei ein Spass. Die Alte aber sagte: «Lacht ihr nur, aber hintennach, nicht vorweg », und humpelte geschäftig wieder in die Küche hinaus und kam gleich wieder herein mit einem Krug voll dunkeln, duftenden Weines. «So», sagte sie, «und jetzt noch einen Schluck auf die Nacht, das wird euch guttun, mein ich.» Die Burschen liessen sich nicht nötigen und taten alle einen langen Zug, indes die gute Alte Worte murmelte, die sie nicht verstanden. Aber da wurde ihnen mit eins ganz wunderlich zumute. Ob sie wollten oder nicht, die Augen fielen ihnen zu, die Köpfe sanken auf die Tischplatte, und unversehens schliefen sie unerweckbar fest.

Des Morgens in blauer Frühe erwachte der eine, er streckte sich und rieb sich die Augen. Hellen Tones klang ein Glöcklein. «Ei», rief er verwundert und stiess die andern an, «wär’s nicht gar so manche Meile noch, ich wollte wetten, ich hörte das Kapuzinerglöcklein von Rapperswil zur Morgenmesse läuten.» Da wurden die beiden andern auch munter. «Potz Wetter», rief der zweite, «ist das nicht der Obersee, und das die Ufenau?» «Ja, und dort», rief der dritte und sprang auf, «dort ist ja das Schloss und drunter das Städtlein. Ja, wir sind daheim!» Und so war es auch. Da fielen alle drei auf die Knie, segneten sich mit dem Zeichen des Kreuzes und dankten Gott für die gute Heimkehr, und dann eilten sie fröhlich heim ein jeder zu den Seinigen.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch