Die Weissagung des Schlafgastes
An einem kühlen regnerischen Spätsommerabend war ein fahrender Schüler ins Tal gekommen und hatte auf einem abgelegenen Hofe um ein Nachtlager angeklopft. Der Bauer, ein gesetzter Mann von bedächtigem Wesen, gab ihm Bescheid: «Nein, guter Freund, so leid es mir ist, das geht heute Nacht nicht wohl an. Wir haben keinen vorigen Platz, und überdies erwartet meine Frau jederzeit ihre Niederkunft, und da ist ein Gast im Hause nicht eben kommlich. Drum sieh zu, ob du nicht anderswo ein Unterkommen findest.» Der Fahrende aber drängte und bat so inständig, doch bei dem Hudelwetter unterstehen zu dürfen, und wäre es nur auf der Laube, dass der Bauer endlich einwilligte und ihm eine kleine Kammer neben der grossen Stube anwies.
Mitten in der Nacht kam die Frau in eben dieser Stube nieder. Aber bei jedem Wehen rief der Gast aus der Kammer: «Noch nicht! Noch nicht! Noch nicht!» Das ging so eine ganze Weile. Da sagte er aufs Mal: «Aber jetzt!» und da lag das Kind der Mutter schon vor den Knien. Es war ein Knäblein.
Am Morgen drauf stellte der Bauer den Gast wegen seines seltsamen Gebarens zur Rede. Der wand sich eine Weile hin und her und wollte nicht mit der Sprache heraus. Schliesslich sagte er: «Ach, hättet ihr mich nur nicht gefragt! So müsst ihr s halt wissen: Hätt ich nicht mit aller Kraft entgegengehalten, dann wäre der Bub ein Selbstmörder geworden.» Der Bauer schaute den Mann, der so kurioses Zeug redete, von Kopf bis zu Füssen an, als wollte er sagen: No, no, das mache du einem andern weis, aber nicht mir! - «Und jetzt?» sagte er. «Jetzt wird ein anderer ihn töten, wenn er zwanzig Jahre alt geworden ist, und zwar an dem und dem Tage.» Da schüttelte der Bauer ärgerlich den Kopf. «Mit so ernsten Sachen ist nicht zu spassen», sagte er unwirsch. «Nun, wenn ihr mir nicht glauben wollt, so steht’s euch frei. Aber darum ist nicht minder wahr, was ich sage. Zum Beweis dafür nehmt, dass an dem und dem Tage das graue Füllen im Stalle sich am Halfterstrick erhängen wird», sprach der Fremde, dankte für Dach und Decke und ging seines Weges. Und der Bauer brummte etwas in seinen Bart und machte sich kopfschüttelnd an seine Arbeit.
Aber eines Tages fand er am Morgen, als er in den Stall trat, um das Vieh zu füttern, das graue Füllen am Halfterstrick erhängt. Da fielen ihm die Worte des Unbekannten bleischwer aufs Herz; denn nun war gewiss, dass auch das andere Unheil sich erfüllen müsse.
Indessen wuchs der Bub mit den Jahren heran zu einem stattlichen Burschen. Am Tage seines zwanzigsten Geburtstages schickte der Vater ihn in sein Stüblein zuoberst im Haus, damit er den Tag dort allein und ohne Gefahr verbringe. Und tagsüber ging denn auch alles gut, und bereits nahte der Abend, ohne dass ihm ein Leides geschehen wäre. In der Dämmerung aber trieben sich eine Anzahl mutwilliger Burschen von den Nachbarhöfen um das Haus herum und hielten wilde Spiele ab. Und da gab’s denn Händel und setzte Schläge. Der Bursche, der vom Fenster aus dem Treiben zusah, gewahrte, wie sein bester Freund gefahrte, einem Stärkeren zu unterliegen. Da konnte er nicht an sich halten, sondern sprang ihm zu Hilfe und erhielt von dem wütenden Gegner einen Messerstich in den Leib und blieb tot auf dem Platze.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch