Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Die Todesbotin

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Vor Zeiten lebte in einem traulichen Häuslein vor den Toren einer kleinen Stadt im Schweizerlande eine Witwe, Mechthild geheissen, mit ihrem einzigen Sohne Konrad, gar geruhsam und einträchtiglich. Da kam eines Tages die Kunde, der Feind sei ins Land gefallen; der Sturmbann erging, und wer Waffen tragen konnte, scharte sich um das Banner des Ortes und zog im Haufen der Eidgenossen zu Feld. Und so legte auch der junge Konrad die Wehr an, zog sein Ross aus dem Stall und trabte mit den wenigen Genossen aus dem Städtlein noch denselbigen Abend zum Tore hinaus; denn sie wollten die Nacht durch reiten, damit sie der Hitze des sommerlangen Tages entgehen möchten.

Seiner Mutter Häuslein aber lag unweit der Mauer hart am Wald an, durch den der Weg ging. Da stand sein Mütterlein am Fenster und winkte ihm mit ihrem weissen Tüchlein nach. Und immer wieder sah er sich um, und wie ein weisses Wölklein schwebte es flatternd im Abendrot. Dem guten Konrad wurde darob so weh ums Herz, dass er in tiefes Sinnen versank, und ehe er sich’s versah, war er ein Stück hinter dem Zuge zurückgeblieben, denn sein Rösslein war in Schritt gefallen. Da klang aufs Mal eine feine Stimme an sein Ohr, die sprach:

«Es sinkt manch grünes Blatt vom Baum,

Und mancher stirbt, er denkt es kaum.»

Da fuhr er auf aus seinem Traum und schaute erstaunt umher, aber er gewahrte niemand. Die Dämmerung lag auf den gewaltigen Waldbäumen; eine helle Quelle sprudelte murmelnd am Wegrand, und vor sich hörte er den Hufschlag der Pferde. Er trieb sein Ross an, aber unlang, so ertönte es noch heller als zuvor:

«O reit nicht so behende,

Du junger Knab!

Du reitest in dein Ende, Du reitest ins Grab.»

Konrad blickte sich abermals nach allen Seiten um, schier ein wenig unwirsch, denn er meinte, es sei gewiss ein loser Bursche unter seinen Gesellen, der seinen Schabernack mit ihm treibe. Doch nichts rührte sich, alles war stille, kein Windhauch ging, kein Blättlein regte sich. Die Sterne flimmerten durch die laubigen Wipfel vom Himmel herunter, und die Genossen waren ihm bereits so weit voraus, dass man sie nicht mehr vernahm. Er strich sich die Locken aus der Stirne, spornte sein Ross und ritt zu. Aber da erscholl es abermals hell und klar, und doch sanft und mild:

«O reit nicht so behende,

Du junger Knab!

Du reitest in dein Ende, Du reitest ins Grab.

Dein Blut wird’s Gras verfärben,

Und morgen musst du sterben.

O reit nicht so behende, Du junger Knab!

Du reitest in dein Ende,

Du reitest ins Grab.»

Und ehe noch der Jüngling die Augen erhoben, da schwebte aus dem wispernden Gebüsch am Wegrand wie ein Nebelstreif eine Jungfrau empor, wundersam licht und leicht, und ehe er wusste, wie ihm geschah, hatte sie ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihre Lippen auf die seinigen gedrückt. Dann war das schöne Bild entschwunden. Der Mond schien vom Himmel und beleuchtete weithin den Weg.

«Gott, in deine Hände befehl ich meinen Geist Und meinen Leib den Feinden zu allermeist!»

sprach Konrad und spornte sein Ross, und bald hatte er den fröhlich lärmenden Zug der Gefährten eingeholt. Tags darnach ist er in der Schlacht gefallen. Sie fanden ihn die Brust feindwärts gekehrt, das Herz von einem Pfeil durchbohrt.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch