Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Wie Paracelsus ein Doktor ward

Land: Schweiz
Kanton: Schwyz
Kategorie: Sage

Der Doktor Theophrastus Paracelsus von Einsiedeln im Lande Schwyz, anderwärts auch Frastus oder Raster geheissen, war ein so geschickter Arzt, dass man, soweit die liebe Sonne scheint, keinen besseren erfragen konnte, denn er war einer von den ganz gelehrten- er kannte alle Tiere, Kräutlein und Steine auf der weiten grünen Erde bei Namen und ihre Wirkenskraft und Samen. Denn wenn er nur aufs Feld hinaus wandelte, um Kräuter zu sammeln, so redeten Blatt und Blume, ja selbst die Wurzeln in der Erde zu ihm und taten ihm kund, gegen welche Übel und Krankheiten sie gut wären.|

Das aber war so zugegangen: Eines Tages war ein Bauer zu gekommen, dessen Frau er unlang geheilt hatte. Der brachte einen Wurm, der hatte die Grösse eines Wickelkindes und schimmerte in allen Farben des Regenbogens. Paracelsus sah sogleich, dass dies ein Haselwurm sein müsse, und seine Freude darob war grösser, als wenn er ein Königreich zu eigen erhalten hätte. Er befahl seinem Diener, den Wurm sogleich aufs beste zu kochen.

«Aber», sagte er, «dass du dich nicht unterstehst, davon zu kosten! sonst ist es um dein Leben getan getan.» Dann schwang er sich aufs Ross und sprengte über die Felder und Wiesen, wie er all Abend zu tun gewohnt.

Der Diener rührte indessen flink seine Hände, um das Geheiss seines gestrengen Herrn pünktlich zu erfüllen. Aber wie er so mit der Zubereitung des Wurms beschäftigt war, so ward er je länger desto heftiger versucht, davon zu kosten. Und wie sehr er auch widerstrebte, zuletzt konnte er dem Gelüsten nicht mehr widerstehen. Kaum aber hatte er ein Stücklein davon über die Zunge gebracht, so wurde es in seinem Inneren wunderbar helle: alles, was er eben zu wissen begehrte, stand alsbald in deutlichen Bildern vor seiner Seele, er wusste nicht, wie es kam. Da dachte er: «Wo mag jetzt wohl der Herr sein?» - und im Augenblick sah er ihn auf der Wiese draussen bei einigen grossen Lindenbäumen vom Pferde springen und am Wegrand einige schöne Blumen brechen.

Als Paracelsus heimkam, trat ihm der Diener vor dem Hause entgegen, und die Blumen bemerkend sagte er: «Ei, gnädiger Herr, diesen schönen Maien habt ihr gewiss auf der Wiese draussen am Weg bei den hohen Linden gepflückt!» Da stieg der rote Zorn dem Doktor auf. «Du hast vom Haselwurm gegessen!» schrie er den Diener an. Dem fuhr der Chlupf ins Gebein, dass er sich kaum noch auf den Füssen halten konnte. «Ich seh dir’s an, du hast’s getan!» rief der Doktor in noch ärgerer Wut, er riss sein Schwert aus der Scheide und streckte den Diener mit einem Streich zu Boden, so dass er das Aufstehen für immer vergass. Dann ging Paracelsus in die Küche und ass den Haselwurm, der bereits angerichtet war. Da ward er hellsichtig und erhielt alle Wissenschaft der offenbaren und der verborgenen Dinge.

Andere aber sagen ihm nach, er habe seine ausbündige Kunst auf diese Weise erlangt:

Als der Doktor Paracelsus noch in Innsbruck wohnte und dort studieren lernte, ging er einmal - wie er gerne tat - an einem heiligen Sonntagmorgen im Walde spazieren und hatte allerlei Gedanken so dass er sich ganz vergass und immer tiefer in den Wald hinein geriet. Plötzlich stand er still, denn es kam ihm vor, als hätte ihn jemand beim Namen gerufen; er mochte sich aber umsehen, wie er wollte, er konnte niemand erblicken. «Es sind wohl Raben in ihren Nestern oder Winde in den Felsklüften gewesen», sagte er zu sich selber und ging weiter. Aber bald hörte er wieder eine dumpfe Stimme rufen: «Paracelsus! Paracelsus!», und der Ton schien nicht eben von weit her zu kommen. Der Doktor schaute sich um: «Wer ruft da?» - «Ich», antwortete es ganz nahe an seinem Ohr aus einer alten Tanne, «erlöse mich aus dem verdammten Kerkerloch!» Paracelsus erschrak und sprang seitwärts, bald aber fasste er Mut und rief: «Wer ist der Ich?» - «Man nennt mich nur den Bösen», erwiderte die Stimme, «ich bin aber so schlimm nicht, als mich die Leute machen wollen. Das sollst du sehen, wenn du mich befreist!» - «Und wie kann ich das tun?» fragte der Doktor. - «Schau nur rechts am Stamm der Tanne hinauf, da ist ein Astloch, das mit einem Zäpflein vermacht ist, darauf drei Kreuze eingeschnitten sind. Dahinter bin ich eingezwängt von einem verfluchten Geisterbanner. Ich kann's von innen nicht herausstossen.» - «Nun, was gibst du mir, wenn ich's herausziehe?» fragte Paracelsus. - «Was willst du?» - «Gib mir», gebot Paracelsus, «pro primo eine Arznei, die alle Krankheiten heilt; pro secundo eine Tinktur, womit ich alles, was ich will, in Gold verwandeln kann, pro tertio - - -» - «Halt ein!» fiel ihm der andere ins Wort. Der Dinge drei sind mir verhasst und lähmen meine Kunst und Kraft. Die kann ich dir nicht geben. Begnüge dich mit zweien, die sollen dir werden!» - «Wer steht mir aber dafür, dass du Wort hältst?» - «Ich, so wahr ich der Teufel bin!» rief die Stimme. - «Er wird mich doch nicht gar holen, wenn ich ihm den Willen tue», dachte Paracelsus bei sich selber und sagte dann laut: «Gut denn! ich will dich befreien.» Also nahm er sein Federmesser aus der Tasche und porzte damit das Zäpflein heraus.

Dann trat er einen Schritt zurück, die Augen fest auf das Löchlein geheftet, und sah alsbald eine hässliche, schwarze Spinne daraus hervorkrabbeln. Die lief gleitig am Stamm hinunter auf das Moos. Aber kaum berührte sie den Boden, so verschwand sie wie weggeblasen.

Aber auf dem Flecke richtete sich - wie aus der Erde steigend - ein langer, hagerer Mann mit dünnen, dürren Gliedern vor Paracelsus auf und schielte ihn mit roten Augen spottlich grinsend an und sagte ihm in wohlgesetzter Rede seinen Dank für den Dienst. Dabei schlug er den roten Mantel sorglich übereinander, wohl damit Paracelsus seine schmählichen Hahnenfüsse nicht gewahren sollte; denn der Teufel mag sich stellen wie er will, immer ragen ihm die Füsse hervor. - Aber der Mantel war zu kurz, und Paracelsus sah die scharfen Klauen und Krallen nur zu gut, und ein Schauder lief ihm über den Leib, und die Haare standen ihm zu Berg, dass es ihm schier die Kappe auf dem Kopf lüpfte. Das machte dem Teufel rechten Spass.

Er zeigte seine gelben, spitzigen Zähne vor Lachen und sagte: «So, graut dir's? Du brauchst dich nicht zu fürchten. Dich hol' ich ja nicht!» Und er winkte ihm mit spitzigem Finger: «Komm mit, dort an den Felsen!» Der Paracelsus wäre lieber davongelaufen und hätte ihm gerne den Dank geschenkt. Aber er folgte ihm doch nach, so katzbang ihm war. Auf dem Wege brach sich der Teufel im Gebüsch eine Haselrute. Bald kamen sie zu einer Fluh, die hoch die höchsten Tannen überragte. Jetzt sprach der Teufel: «Wart hier ein Weilchen. Ich bin gleich wieder da», und schlug mit der Rute gegen das Gestein. Krachend barst der Fels auseinander, und der Teufel verschwand darin. «Meinethalben brauchst du nicht wieder kommen», murmelte Paracelsus in seinen Bart. Aber schon trat der Rotmantel wieder aus der Spalte hervor, in jeder Hand ein durchsichtiges Gefäss haltend, oben zugebunden wie die Arzneigläser. Diese reichte er Paracelsus dar. «Das gelbe da», sagte er, «ist die Goldtinktur, das weisse die Arznei.» Dann nahm er die Haselrute vom Boden auf, schlug damit wieder gegen das Gestein, und der Fels schloss sich, als ob er nie gespalten gewesen.

«Gehst du mit nach Innsbruck?» sagte der Teufel, «ich hole mir dort den Geisterbanner, der denkt gewiss auch nicht, dass ich los bin, er soll's mir büssen! Alle Knochen brech ich ihm im Leibe und das Gehirn verspritz ich ihm!» So gingen nun der Rotmantel und der Doktor schweigsam eine Weile nebeneinander fort. Allein Paracelsus hatte seine eigenen Gedanken dabei, denn er hatte grosses Mitleid mit dem armen Geisterbanner und dachte: «Er ist meinesgleichen. Könnt ich ihn nur retten! Aber den Scheelaug bitten wird nichts helfen. Und jenen voraus warnen geht auch nicht, auch wüsst ich nicht einmal, wie er heisst und wo er wohnt.»

So schritt Paracelsus, hin und wieder sinnend, neben dem Hahnenfüssler einher und drehte dabei zwischen den Fingern das hölzerne Zäpfchen. Da roch's ihm plötzlich auf: «Ich will's probieren. Hilft's nichts, so schadt's auch nichts!» Nun waren sie nicht mehr weit weg von jener Tanne, worin der andere gesteckt hatte, da hub er an:

«Traun, der Banner muss wohl ein übermächtiger Mann sein, dass er die Gewalt hatte, euch in ein so winziges Löchlein hineinzuzwingen, und erst noch spinnengross nur. Wahrlich, aus eigener Kraft hättet Ihr das schwerlich vermocht. Dazu gehört viel.» - «Unsereiner kann mehr, als ihr naseweisen Wichte euch nur träumt», entgegnete der Teufel giftig. «Hast du denn nicht mit eigenen Augen gesehen, wie ich als Spinne zu dem Loch herausgekrochen bin?» - «Oh, das war eitel Blendwerk», sagte der Doktor. «Ihr seid als Lügenmaul und Prahlhans wohlbekannt. Geht mir doch weg, Leuten euren Schlages hat ein grösserer Herr schon lang das Handwerk gelegt. Ja was gilt’s, ich verwette euch die zwei Wunderflaschen grad wieder, wenn nicht wahr ist, was ich sage.» - «Topp, es gilt!» rief der Teufel eifrig. «Schau her!» und im selben Augenblick war er verschwunden, und dieselbe hässliche, schwarze Spinne krabbelte wieder im Moose und lief gleitig am Stamm der Tanne hinauf und kroch in das Löchlein und die Stimme rief: «Jetzt sind die Flaschen wieder mein! » — «Nein, noch glaub’ ich’s nicht», schrie Paracelsus ins Loch hinab und steckte blitzgeschwind das Zäpflein wieder ein. «Was soll der Scherz?» rief die Stimme von innen. «Ernst ist’s», rief Paracelsus zurück, schlug mit einem Stein den Zapfen fest und schnitt mit seinem Messer drei neue Kreuzlein drüber. «Jetzt bist du am rechten Ort. Gehab dich wohl!» Da nützte kein Bitten und kein Drohen. Wie der Sturmwind rüttelte der betrogene Teufel den gewaltigen Stamm von der Wurzel bis zum Wipfel, dass die Tannenzapfen haufenweise von den Ästen auf Paracelsus herabprasselten. Der aber wandelte lachend davon.

Als er wieder aus dem dunkeln Walde in die sonnenhellen Wiesen hinaustrat, sprach er bei sich: «Jetzt will ich doch sehen, wie der Rotmantel mich genasführt hat», denn er hielt die Flüssigkeiten in den Fläschchen für bares Wasser. Also öffnete er das gelbe und liess daraus ein Tröpflein fallen, und siehe da, es wurde schwer und schwerer in seiner Hand, und war pures Gold. Staunend machte er das Fläschchen gleich wieder zu, damit der kostbare Goldgeist nicht verdunste. «Das wäre gut», dachte er, «und jenes will ich grad an dem kranken Gemsjäger dort unten in der Hütte erproben.» Und als er in die Stube trat und dem Mann einen Tropfen davon eingab, sprang derselbe auf dem Flecke gesund aus dem Bett.

Der Paracelsus aber ist von selbiger Zeit an der berühmteste Doktor und reichste Mann der Welt geworden und hat arm und reich gesund gemacht. Und denen, die's nicht vermochten, hat er oft noch zur völligen Genesung von seinem Golde dazugegeben. Aber just darum hat er auch viele Feinde bekommen, die ihm sogar ans Leben gegangen sind.

Der Teufel aber hockt noch immer in dem Löchlein, und wenig Hoffnung hat er, je loszukommen. Denn der Wald ist Bannwald und schirmt das Tal gegen die Lauerten und Rüfen und darf drum nie gehauen werden. Die Tanne aber, die er zu Zeiten wütend schüttelt und rüttelt, dass die Wurzeln knarren und die Wipfel sausen und ein Hagel von Tannenzapfen niedergeht, heisst noch heute der Teufelsbaum.

Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch