Morgarten
Herzog Leopold war gar erzürnt über die Eidgenossen und beratschlagte mit seinen Kriegsräten, an welchen Enden die Länder am füglichsten anzugreifen wären. Also rieten ihm die Räte einhelliglich, dass er sie von zwei Seiten überfallen sollte, nämlich Herzog Leopold selbst mit seinem ganzen Heerzug durch derer von Zug Land am Ägerisee vorbei an dem Morgarten die von Schwyz angreifen. Da möcht er am besten ins Land kommen, nächst beim Berg, der Sattel genannt. Das sollte geschehen am Samstag nach St. Martins Tag, war Sankt Othmars Abend, der 15. Tag Novembers, am Morgen früh. Alsdann sollte Graf Otto von Strassberg in der Nacht über den Brünig mit Macht ziehen, dass er den von Unterwalden auf Sankt Othmars Tag angehenden Tages in ihr Land falle. Und desselben Morgens sollten von Luzern her in Schiffen auch tausend Mann oder mehr in das Land Unterwalden nid dem Kernwald fallen, und beide Haufen einander entgegenrücken und das ganze Land Unterwalden einnehmen.
Wie nun solcher Anschlag beschlossen, hatte Herzog Leopold seinen Astronomen, das ist Sterngucker, bei ihm, der ihm auf den angesetzten Tag gut Glück loste. Nun hatte der Herr auch einen kurzweiligen Narren, hiess Kuoni von Stocken, der war stät um ihn, und auch dabei, wie der Ratschlag beschlossen worden war. Zu dem sprach der Herzog scherzweise:
«Kuoni, wie gefällt dir die Sache? » Der Narr gab Antwort: «Nicht wohl.» Da fragten sie ihn, warum ihm ihr Rat übel gefiele. Da antwortete er und sprach: «Darum, dass ihr alle geraten habt, wie ihr in das Land hinein kommet; aber es hat euer keiner geraten, wo ihr wieder heraus kommet.»
Nun war ein aargauischer Edelmann, Heinrich von Hünenberg genannt, dem hatten die von Schwyz vor einiger Zeit auch einen treuen Dienst geleistet. Der wusste allen Ratschlag und lag bei des Herzogs Volk, das er gegen Arth geschickt hatte, allda auf die von Schwyz zu streifen; denn der Herzog tat, als ob er das Land gegen Arth angreifen wollte, damit sie sich minder am Morgarten vorsähen. Das meinten auch die von Schwyz selbst. Drum hatten sie ihr Volk bei der Letzi zu Arth liegen. Da schoss der von Hünenberg einen Pfeil mit einem Pergament über die Letzi und schrieb darauf: «Hütet euch auf Sankt Othmars Abend morgens am Morgarten!» Dieser Pfeil wurde von denen von Schwyz am Freitag vor Sankt Othmars Tag am Morgen früh gefunden, und schickten eilends gen Uri und Unterwalden um Hilfe. Also kamen angehender Nacht vierhundert von Uri, und um Mitternacht dreihundert von Unterwalden. Die von Schwyz ordneten schnell sechshundert Landleute mit diesen siebenhundert an den Sattel, der ob dem Morgarten liegt. Die zogen des Nachts dahin.
Nun waren ein grosser Harst Ächter und Einunger, bei fünfzig redlicher Gesellen aus den drei Waldstätten; die durften nicht in die Landmark kommen, mussten von Freveln und strafbarer Sachen wegen ausserhalb bleiben und sich zu Wädenswil, Richterswil und anderswo aufhalten, wo sie mochten. Die wollten ihren Freunden von Schwyz auch zu Hilfe kommen, als sie vernahmen, dass des Herzogs Zug wider ihr Vaterland ginge. Und als die Herren daherzogen und den Berg auf wollten in das Land gen Schwyz, da gedachten die Gesellen, die Einunger: Kommen die Feinde in die Landmark hinein, dahin dürfen wir nicht kommen, so ist euer Ding umsonst - und wurden zu Rate, dass sie nicht vergebens da sein wollten. Sie wollten auch Leib und Gut wagen.
Die taten sich zusammen, zogen in der Nacht über die alte Matt gen Morgarten, ihren Landsleuten Hilf und Beistand in der Not zu tun. Sie legten sich unterm Sattel ob dem Morgarten und der Strasse auf einen Rain, da nächst darunter die Strasse war, in das Holz.
Am Morgen früh, wie der Tag anbrach, kam Herzog Leopold mit seiner Macht daher an den Morgarten und war nachts von der Stadt Zug vor Ägeri heraufgezogen. Er zog selber mit seinem Adel und dem Reisigenzug in der Vorhut, und das Fussvolk hatte den Nachzug. Nun hatten sich die fünfzig Gesellen aus den Waldstätten mit Stöcken und grossen Steinen, die sie zusammengetragen, auf dem Rain, wo sie lagen, wohl gerüstet; und wie die Ritterschaft an den Berg Morgarten kam, da es anfing, rauh und eng zu sein, da die Pferde keinen Schwung mochten haben, und kaum zwei oder drei nebeneinander gehen konnten, liessen die Verbannten Stock und Steine den Berg nieder unter sie laufen, dass Ross und Mann zu Boden ging. Im selben liefen der drei Waldstätte Volk mit grossem Geschrei den Berg hinab, fielen in die Feinde, und jeder hatte einen Wurfspiess in der Hand. Die warfen sich in die Herren und in die Rosse, dass alles drunter und drüber ging. Graf Heinrich von Montfort samt dem Abt von Einsiedeln, der bei den Vordersten war, und die um ihn waren, begannen zuerst zu weichen. Da nahmen die Reisigen alle die Flucht, und von dem Werfen waren die Pferde so schellig worden, dass die Reisigen in ihr eigenes Fussvolk rannten und ihre Ordnung selber zertrennten, dass es auch weichen musste. Denn die Waldstätter waren so hart auf ihnen, dass sie zu keiner Ordnung mehr kommen konnten, wiewohl sich des Fussvolks ein Teil, insonders die Zuger und Zürcher, handlich wehrten. Sie wurden aber niedergelegt.
Der Herzog und das andere Volk floh mit Not neben dem Ägerisee nieder gen Zug hinab. Die fünfzig Knechte von Zürich kamen alle um, und gar nah beieinander; denn sie wollten nicht fliehen. Sie und die von Zug täten den Waldstätten mehr Widerstand und Schaden denn sonst der ganze Heerzug des Herzogs. Es wurden an tausend Reisige erschlagen und im Ägerisee ertränkt, ohne das Fussvolk, davon viel auf der Walstatt lag und in den See gejagt wurde. Viel Pferde waren von den Steinwürfen so tobig und unsinnig worden, dass sie mit den Reitern in den See rannten, dass Ross und Mann ertrank. Die Waldstätter gewannen viel Harnisch, Waffen und Gut, auch zehn Banner, und verloren zu ihrem Teil nicht mehr denn vierzehn Mann.
Als nun der Kampf geendet war, knieten die Waldstätter nieder, vollbrachten ihr Gebet mit zertanen Armen, Gott Lob und Dank sagend, blieben auf der Walstatt bis auf den Abend und warteten, ob sich etwas weiteres zutragen werde.
Aus: C. Englert-Faye. Us der Gschichtetrucke. Ein Schweizer Volksbuch für Jung und Alt, Bern 1963.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch