Die Baretto-Balma
In uralter Zeit floh aus Italien Alfonso di Baretto, ein angesehener Edelmann. Er musste dort ein grosses Landgut und ein unbeschwertes Leben zurücklassen, denn ein wilder Krieg und die Schar unversöhnlicher Feinde gönnten ihm kein weiteres Verbleiben in der Heimat. Wohin er sich wandte, drohten Verfolgung, Verrat, Gift und Dolch, da die Feinde mit der Zerstörung seines Lebensglückes nicht zufrieden waren, solange der Mann selbst lebte, den sie hassten und dessen Haupt sie dem Tod geweiht hatten.
Da nahm Alfonso di Baretto seine zwei jungen Töchter Verena und Silvretta — das einzige, was ihm übriggeblieben war von der grossen Familie und den vielen Lebensfreuden — und floh, das meiste bei dunkler Nacht, über Berg und Tal gegen Norden in das Alpenland. Die Vernichter seines Glücks waren ihm mehrere Wochen lang auf den Fersen. Mit Mühe täuschte er sie durch Kreuz- und Querwege, bis er in das waldige Gewirr von Tälern und Höhen, das den Südsaum der Alpen bekränzt, kam und den Verfolgern jede Spur über die Richtung seiner Flucht entzogen hatte.
Bewohntes Gebiet betrat er auf seinem Fluchtweg nicht. Er nährte sich und seine Kinder mit Wurzeln und Feldfrüchten oder mit eigenem Geschoss im Dickicht des Waldes auf der Jagd erbeutetem Wild. Baretto gelangte nun, über zwei höhere Bergrücken fliehend, in die Alptriften zwischen dem Tal des Inns und den Quellen der Landquart. Hier, von hohen Felswänden umgeben, beschloss er als Einsiedler mit seinen Töchtern fern von den menschlichen Wohnungen in rauher und luftiger Höhe zu leben, bis ihm ein günstiges Geschick die Rückkehr in die Heimat ermöglichte oder aber ihn der Tod von aller Gefahr menschlichen Begehrens befreite.
Seine eigenwillige Wohnung wählte er bei einem grossen Felsstück, welches durch seine natürliche Gestaltung und Lage eine Höhle bildete. Diese Höhle wurde fortan die Baretto-Balma genannt. Sie bot genügend Raum für die drei Flüchtlinge und Schutz gegen Regen, Sturm und den Hochgebirgsschnee, der fast neun Monate lang auf diesen Alpgegenden zu lasten pflegt. Ein trauriger Aufenthalt für zarte Kinder und einen Mann, der von Jugend auf an den italienischen Himmel und an ein Leben in Überfluss gewöhnt war! Doch was vermag die Wildheit der Natur oder die Not trauriger Armut, wenn eine noch stärkere Kraft menschlichen Geistes ihr zu trotzen wagt! Nicht die Angst vor den Bewohnern dieses Alpenlandes zwang ihn zu dieser schrecklichen Einsamkeit, sondern eine unüberwindbare Feindschaft gegen das ganze Menschengeschlecht bemächtigte sich seines Gemüts, das nur noch seinen geretteten Kindern in Liebe und dem nahen Hirten wenigstens nicht mit Groll zugewendet blieb. So liebte und hasste er zugleich mit jener glühenden Stärke, wie es der Nordländer nicht kennt und nur dem Bewohner südlicher Länder eigentümlich ist.
Fern von allen schönen Genüssen fristete er sein Leben und das seiner Kinder mit den einfachen Gaben des hohen Alpenlandes, mit Wurzeln und Kräutern und mit dem Fleisch des erlegten Bergwildes, denn jenes Triftenland und Felsengewirr ist reich an Gemsen, Hasen, Murmeltieren und Bergvögeln. Die ergiebige Sommerjagd gab Vorrat für den langen Winter. Schnee und Gletscher boten frischen Trunk, und Wald hatte es damals mehr auf jenen Höhen als in unseren Tagen, wo der Holzwuchs mehr und mehr aus den Höhen flieht und zum Tal herabsinkt. Auf diese Weise half der menschenscheue Baretto sich und den Kindern und lebte viele Jahre frei und einigermassen glücklich, wenn man überhaupt einen Seelenzustand wie den seinigen glücklich nennen kann. Aber die Zeit und die Freundlichkeit der Hirten und Leute, die im Sommer dem Alpensiedler nahe kamen, milderten allmählich vieles vom Hass und der Menschenflucht des Unglücklichen. Er redete mit ihnen bei der Herde, begleitete sie auf der Jagd und besuchte später gar von Zeit zu Zeit die Wohnungen und Dörfer der Talleute, ja er nahm sogar hie und da bei ausserordentlichen Festanlässen teil und brachte seine zu schönen Mädchen aufgeblühten Töchter mit in den Kreis der Fröhlichen.
In jenen Gegenden wird immer noch erzählt, dass er in späteren Jahren zur Winterszeit sein still umschneites Alpental ab und zu verlassen und die Leute der Gemeinden zu Klosters besucht habe. In fröhlichen Stunden, wenn sich sein Gemüt erheiterte, erzählte er dann den Talbewohnern von einem milderen, gesegneten Land jenseits der Berge, in welchem er einst unter glücklicheren Umständen gelebt habe, aber fliehen musste. Und seine beiden Töchter führte er des öftern selber herab bis zum Dorf, wo sie dann bei Hochzeiten und an Festtagen freundlich und fröhlich mit den Prättigauern gewesen seien und schöne Lieder in ihrer fremden, wohlklingenden Sprache gesungen hätten. Sie kehrten aber immer wieder gern zu ihrer hohen Alpenwohnung zurück und lebten einsam viele Winter und Sommer hindurch bei ihrem Vater, der mit nichts dazu bewogen werden konnte, Wohnsitz unter den Leuten in Klosters zu nehmen.
Alfonso di Baretto hatte nach dem Sagen der Leute etwas Unheimliches in seinem Wesen, das auf Zauberkraft hindeutete. Wenn er sich nämlich den Blicken der Leute und Hirten entziehen oder seinen Weg geheim halten wollte, verschwand er plötzlich aus der Reihe der sichtbaren Wesen, und hinter ihm fand man im Gras oder im Schnee nicht die Fussstapfen eines Menschen, sondern diejenigen eines Fuchses.
Auf der Alpenhöhe, wo er so lange Zeit gelebt hatte, starb Baretto dann auch in hohem Alter. Seine Töchter trugen den Leichnam in die Höhle, bestreuten ihn mit Blumen und Berggras, aber kein Mensch hat je eine Spur des Grabes oder des Leichnams gefunden.
Dann nahm Silvretta herzlich Abschied von ihrer Schwester und gestand, dass sie weit über dem Gebirge eine bessere Heimat aufsuchen wolle. Über Hügel, Schutthalden und Gletscher eilte sie durchs Vernelatal und über den Berggrat, blickte auf der letzten Anhöhe nochmals nach der Schwester und dem geliebten Felsenhaus zurück und verschwand. Die Gegend aber, wohin sie den Weg genommen hatte, führt seitdem nach ihrem Namen die Benennung Silvretta, und der ganze Gebirgsstock mit seinen Schluchten, Tälern und Alpen bewahrt im Volk das Andenken an diese fremde Berg-Jungfrau.
Verena blieb noch längere Zeit bei der Höhle, wo sie mit dem Vater und der Schwester gelebt hatte, endlich stieg aber auch sie nach den höheren Bergkuppen, setzte sich nieder und schaute über das Tal der Landquart hinab. Da lagen die Dörfer Saas, Conters, Küblis, Luzein, Putz, Buchen und Jenaz vor ihren Augen, Fideris hingegen war hinter dem Rücken eines Berges verdeckt. Denen nun, die sie erblicken konnte, rief sie mit einer Stimme, die überall gehört wurde, ihr Abschiedswort zu: «Lebe wohl, du glückliches Volk in deinen Dörfern. Dir schenke ich diese Täler mit ihren Blumen und Weiden!» Seitdem sind die Bewohner der genannten Dörfer im Besitz der Alpen von Fremd-Vereina, Fideris aber hat keinen Teil daran.
Von beiden Mädchen hat man nie wieder etwas gehört, aber noch leben ihre Namen in den Alpen Vereina und Silvretta fort, wie auch ihre Geschichte im Munde des Volkes. Und die Baretto-Balma dient Jägern sowie Hirten bei ungünstiger Witterung als Zufluchtsstätte. Sooft sie diese bergende Höhle aufsuchen, steht sie ihnen sauber wie ausgeblasen bereit. Man sagt: «Sie lässt nichts drin».
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch