Silvretta und Vereina
Die zwei Mädchen des Alfonso di Baretto, beide von wilder Schönheit, waren in den Talsiedlungen des Prättigaus überall gern gesehen und recht beliebt.
Eines Tages verliessen sie die Baretto-Balma, ihre urtümliche Zufluchtsstätte in den Felsen hoch oben hinter Klosters, um an den Platz zu einer Hochzeitsfeier herauszukommen, wie das schon öfters der Fall gewesen war.
Auch dieses Mal wurden die jungen Mädchen von ihrem umsichtig besorgten Vater bis zu den ersten Häusern des Tales begleitet. Und da bei solchen Anlässen gewöhnlich Fleisch gegessen wurde, belehrte Baretto unterwegs seine eher unkomplizierten Töchter, sie müssten, wenn sie fertig gegessen hätten, die «Beine» (Knochen) anstandshalber in den Teller legen.
Die Mädchen nahmen sich das Anliegen ihres guten Vaters zu Herzen. Nach dem feinen Festessen griffen sie mit beiden Händen nach den Füssen, hoben sie auf den Tisch und legten ihre Beine in den Teller! — Alles brach in schallendes Gelächter aus.
Nur das scheue Schwesternpaar fand das gar nicht lustig. Sie schämten sich entsetzlich ob der Blamage. Ja, die beiden wurden böse, zogen sich schnell zurück und verschwanden für immer.
Weil sie sich sogar voreinander schämten, suchte die eine das Weite gegen das heutige Silvretta-Massiv hin, und die andere zog Vereina zu.
Gesehen hat die zwei Mädchen des Alfonso di Baretto seither niemand mehr, aber aus diesem Grunde tragen jene Berge zu ihrem Andenken die wohlklingenden Namen Silvretta und Vereina.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch