Mutabor Märchenstiftung

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Silvretta, Canard und Sardasca

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Klosters
Kategorie: Sage

Einst vor vielen Jahrhunderten hütete ein Sohn eines reichen Bauern aus Klosters das Vieh seines Vaters unterhalb des Silvrettagletschers. Es war zu jener Zeit, als ein Vater aus dem Süden mit seinen zwei Töchtern Vereina und Silvretta in den Vereinabergen Einzug gehalten hatte. Canard, so war der Name des jungen Hirten, fiel es bei seiner stattlichen Gestalt nicht schwer, die Herzen der Mädchen zu erobern. So war ihm auch die Tochter seines Nachbarn, die im Sommer ebenfalls Hirtenpflichten ihres Vaters übernommen hatte, sehr zugetan. Ihr Arbeitsfeld war die weiter unten gelegene Alp Sardasca, die den Namen des Mädchens trug. Nach dem Willen der beiden Väter sollten die beiden ein Paar werden. Sardasca und Canard mochten sich gut leiden, aber zu einem bindenden Verhältnis war es bis dahin nicht gekommen.

Eines Abends, kurz nachdem die Alpen im Frühsommer neu bestellt waren, sah Canard, wie sich eine junge Frauengestalt seiner Hütte näherte. Da die Sonne bereits von den höchsten Bergspitzen Abschied genommen hatte und die Dämmerung hereingebrochen war, glaubte Canard, Sardasca wolle ihm noch einen Besuch machen. Bald aber bemerkte er, dass es sich nicht um Sardasca, sondern um ein für ihn bis dahin fremdes Mädchen von ausgeprägter Schönheit handelte. Als die Fremde beim Hirten angelangt war, grüsste sie freundlich und erkundigte sich nach dem Weg über den nahegelegenen Gletscher. Canard gab auf die gestellte Frage bereitwillig Auskunft, fügte aber hinzu, heute Abend sei eine Überquerung des Gletschers nicht mehr möglich. Er sei gerne bereit, ihr Herberge in seiner Hütte zu geben. Das schöne Mädchen nahm die Gastfreundschaft dankend an. Beim gemeinsamen Abendbrot erzählte die Fremde von ihrer Herkunft und dass sie gegen den Willen von Vater und Schwester nach dem Süden zurückkehren wolle. Ebenso erfuhr der Jüngling, dass das Mädchen den Namen Silvretta trug. In der folgenden Nacht hatte Canard einen Traum. Er sah, wie ein Adler mit einem weissen Lamm in den Fängen über dem Gletscher kreiste und es dann in eine Gletscherspalte fallen liess. Obwohl der Hirte kein Traumdeuter war, ahnte er etwas Schlimmes und brachte es in Zusammenhang mit Silvrettas Gletscherüberquerung. Wenn er Silvretta auch nichts von diesem unheilvollen Traum erzählte, bewog er sie doch, einige Tage bei ihm auf der Alp zu bleiben. Nur ungern fügte sich das Mädchen dem Wunsche seines Gastgebers. Mit jedem weiteren Tag wurde die Zuneigung der beiden jungen Leute zueinander grösser. Für den Jüngling stand es fest, dass er keine andere als Silvretta freien würde. Dieses Vorhaben wurde aber durch einen bitteren Wermutstropfen getrübt, wenn er daran dachte, was wohl sein strenger Vater dazu sagen würde. Sicher war anzunehmen, dass er gegen eine eheliche Verbindung zwischen ihm und Silvretta war.

Eines Tages erschien Sardasca auf der Alp, um Canard einen Besuch zu machen. Sie zeigte keinerlei Eifersucht gegenüber dem fremden Mädchen. Im Gegenteil, es entwickelte sich im Laufe des Sommers eine aufrichtige Freundschaft zwischen den beiden jungen Mädchen. Hin und wieder brachten Knechte von Canards Vater Proviant für den Hirten auf die Alp. Einige Male schon äusserte Canard den Wunsch, Silvretta zu heiraten. Silvretta aber konnte sich nicht zu einem Ja entschliessen, obwohl sie eine nicht zu übersehende Zuneigung für den Hirten an den Tag legte.

Eines Tages im Spätsommer erschien Canards Vater auf der Alp. Einer seiner Knechte musste ihm von dem Verhältnis seines Sohnes zu dieser fremdländischen Silvretta erzählt haben. Ohne lange Umschweife erklärte Canard seinem Vater, dass er Silvretta zu seinem Weibe machen wolle. Der Vater wollte jedoch von einer Heirat nichts wissen. Vater und Sohn trennten sich an diesem Tag in Uneinigkeit. Silvretta, die bei der Auseinandersetzung der beiden zugegen war, wurde von diesem Tage an immer trauriger. Einige Zeit später äusserte sie den Wunsch, Canard möge sie über den Gletscher nach ihrer südlichen Heimat ziehen lassen. Dieser wollte sie aber nicht gehen lassen.

Es kam der Tag der Alpentladung. Canard bat Silvretta, auf ihn zu warten, bis er wieder von Klosters zurück sein werde. Sollte der Vater nicht umzustimmen sein, so würde er mit ihr nach dem Süden ziehen. Beim Weggang beschwor er das Mädchen nochmals, auf ihn zu warten. Leider blieb der Vater bei seinem Entschluss.

Am folgenden Morgen machte sich Canard auf den Weg zu Silvretta. Er hatte sich entschlossen, die heimatliche Scholle für immer zu verlassen. Beim Aufstieg erklomm er einen Berggipfel, der heute noch den Namen Canard trägt. Von hieraus hatte er eine gute Aussicht auf das hintere Prättigau und seine Heimstatt in Klosters, die er aus Liebe zu einem fremden Mädchen verlassen wollte.

In der heutigen Alp Sardasca traf er mit dem Mädchen Sardasca zusammen. Canard setzte sie über seinen Entschluss in Kenntnis. Sardasca wollte von der ihr lieb gewordenen Silvretta Abschied nehmen und begleitete Canard auf seine Alp. Dort angelangt, fanden sie die Hütte leer. Auf dem Tisch hatte Silvretta ihr goldenes Kreuzlein, das sie stets am Halse trug, zurückgelassen. In einer beiliegenden Notiz bat sie Canard, er möge Sardasca dieses Kreuzlein schenken. Weiter hiess es, sie danke für die Gastfreundschaft und werde Canard und Sardasca nie vergessen. Tief unglücklich verfolgten Sardasca und Canard die Spur des Mädchens über den Gletscher. An dieser Stelle, an welcher der Adler in Canards Traum das weisse Lamm in die Gletscherspalte hatte fallen lassen, fanden sie eine Einbruchstelle, die in eine tiefe unergründliche Gletscherspalte mündete. In seiner Verzweiflung wollte sich der Jüngling in die Spalte hinunterstürzen, Sardasca jedoch hielt ihn zurück.

Zwanzig Jahre später hirtete ein junges Mädchen das Vieh ihres Vaters am Rande des Gletschers; an seinem Hals trug es ein goldenes Kreuzlein. Es war die Tochter von Canard und Sardasca, und sie hiess Silvretta. Gletscher und Alp tragen bis auf den heutigen Tag den Namen Silvretta.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch