Mutabor Märchenstiftung

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Der unglückliche Schlangenbanner

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

 Auf der Südseite des Madrisahorns dehnt sich die Saaser Alp mit ihren schönen Weiden aus. Sie ist wohl die beste Alp im Prättigau und sucht ihresgleichen im Bündnerland.

Vor vielen Jahren war sie aber noch nicht so ergiebig und so gut bestellt wie in unseren Tagen, und es war nichts Angenehmes, dort zu hüten und zu weiden, denn unzählige Schlangen hausten in den sonnigen Halden. In unheimlichen Ringen, sich giftgeschwollen blähend, bedeckten sie grosse Strecken der besten Weideflächen.

Eines Abends kam ein kleines, fremdes Männchen nach Saas. Es war ein «fahrender Schüler». Seine grauen Augen, die unter buschigen Brauen hervorblinzelten, verrieten schon, dass er mehr als andere Leute konnte. Eben war von der Alp herab Bericht gekommen, dass die Heerkuh, die beste Kuh in der Alp, vom giftigen Gewürm getötet worden sei. Das Männlein liess sich Näheres über die Schlangen mitteilen und anerbot sich dann, diese zu bannen, nachdem man ihm versichert hatte, dort oben nie weisse Schlangen gesehen zu haben. Solche schien selbst das Männchen zu fürchten.

Man führte ihn auf die Alp. Dort machte er mit Reisig und Heidekraut drei grosse Haufen, legte dann einige Handvoll gewisser Kräuter und Wurzeln dazu und zündete hierauf diese Haufen an. Als sie so richtig brannten, zog er sein Käpplein ab, nahm ein silbernes Pfeifchen aus der Tasche und fing an zu pfeifen, während er unter seltsamen Gebärden um die drei Haufen herumging.

Es dauerte gar nicht lange, so krochen von allen Seiten, vielfach zu Knäueln vereint, unheimlich zischend die giftigen Schlangen herbei und stürzten sich alle ins Feuer, wo sie unter schrecklichem Gewimsel und grausigem Ringeln und Wiederemporschnellen verkohlten. Schon freute sich das Männlein über das Gelingen seiner Bemühungen, da — o Schreck! — rollten mit schauerlichem Gezische, Feuer aus den Augen sprühend und Gift speiend drei mächtige weisse Schlangen mit goldglänzenden Kronen herbei. Bei ihrem Anblick stiess das Männlein einen entsetzlichen Angstschrei aus und lief, so schnell es seine Beine trugen, gegen Osten hin. Aber die weissen Ungeheuer folgten ihm in rasender Eile, um wegen dem Tod ihrer Schwestern Rache zu üben. Eben wollte der Fliehende einen kleinen Bach überspringen, da wurde er von den giftigen Würmern erreicht. Es half ihm nichts, dass er mit furchtbaren Schreckensrufen versuchte, diese loszuwerden. In blitzschnellen Windungen hatten sie seinen Leib umfasst und das Herz aus ihm herausgerissen.

Aber die Schlangen sind von der Zeit an auf der Saaser Alp diesseits des Baches ganz verschwunden. Und jener Bach heisst wegen den entsetzlichen Schreien, welche das unglückliche Männlein dort ausstossen musste, bis auf den heutigen Tag der «Schreierbach».

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch