Die schwarze Madrisa
Madrisa, die Sage um die anmutige Jungfrau, die einem Jungbauern von Saas zugetan war, ist bekannt. Weniger bekannt ist die Sage um die Schwarze Madrisa, die ebenfalls als Jungfrau in den Felsgründen der Schwarzen Madrisa vor längst vergangener Zeit hauste.
Die Schwarze Madrisa, im Gegensatz zur Schweizer Madrisa, liegt hinter letzterem Bergmassiv auf österreichischem Territorium. Wie erzählt wurde, war die Schwarze Madrisa im zweiten Verwandschaftsgrad mit der eingangs erwähnten Jungfrau. Was die leiblichen Reize anbetraf, stand sie ihrer Cousine in keiner Weise nach. Was aber die charakterlichen Eigenschaften anbetraf, frönte die Schwarze Madrisa dem Schlechten und war mit den dunklen Mächten verbunden. Zu jener Zeit, als sich das Mädchen im Bergmassiv der heutigen Schwarzen Madrisa aufhielt, war dieser Berg noch aus weissem Gestein und leuchtete weithin auffällig in der dortigen Gebirgswelt. Hin und wieder erschien diese schwarze Jungfrau auf den Alpen diesseits und jenseits der beiden Madrisaberge. Überall aber, wo sie in eine Alphütte trat und wegen ihrer Schönheit bewundert wurde, trat nach kurzer Zeit Unheil ein, und wenn sie das Vieh berührte, wurden die Tiere meistens krank und gingen ein. Es war für die damaligen Sennen und Hirten hüben und drüben kein Geheimnis: die Schwarze Madrisa war mit dem Teufel und der Hexerei im Bunde.
St. Jakob, der fromme Einsiedler, nach dessen Name der heutige Berg St. Jakob genannt wird, wusste Rat, um sich vor der unguten Jungfrau zu schützen. Auf seinen Rat wurde zweimal am Tag zur frühen Morgen- und Abendstunde der Alpsegen ausgerufen. Über den Hüttentüren wurden Holzkreuze angenagelt. Seit dieser Massnahme aber hatte das Mädchen keine Macht mehr, ihre schwarze Kunst auszuüben. In eine Hütte, die über dem Eingang das christliche Signet trug, trat sie nie ein, und die Tiere hatten vor ihr auch Ruhe.
Eines Tages im Herbst war im Madrisagebiet ein schöner junger Jäger aus Schlappin auf der Gemsjagd. Eine stattliche schwarze Gemse hatte es ihm angetan. Immer, wenn er sie in Schussnähe hatte, verschwand sie wie vom Erdboden verschluckt. Nun aber kam er dem Tier doch endlich so nahe, dass er es auf dem Korn hatte. Als sich nach einem ungewohnten dumpfen Knall der Rauch der Büchse verzogen hatte, stand dort wo die Gemse war eine schöne Jungfrau, die lachend auf ihn zukam. Von diesem Vorfall ganz benommen, konnte der Jäger seine Gedanken nicht ordnen und schon war er unter den Einfluss der schwarzen Hexe geraten. Jene aber forderte ihn auf, ihr zu folgen, und sie führte den Jäger in ihre Höhle, die sich eben am Fusse der heutigen Schwarzen Madrisa befand.
In der Höhle angekommen, umwarb sie den schönen Jüngling und versprach, ihm die schwarze Kunst beizubringen. Sie wollte ihm auch zeigen, wie man unter Zusatz von Blut eines schwarzen Adlers Kugeln giessen könne, die ihr Ziel niemals verfehlen würden. Als Bedingung aber für ihre Dienste verlangte sie vom Jäger, dass er mit ihr den schwarzen Bund der Ehe eingehe, der unter dem Patronat des Teufels geschlossen werde. Jetzt erst kam es dem Jäger zum Bewusstsein, mit wem er es zu tun hatte. Im Geheimen bat er Gott um seinen Beistand. Nun aber verlangte er von der Schwarzen Madrisa eine Bedenkzeit von zwei Tagen und versprach, nach Ablauf dieser Frist wieder zu kommen und ihr seinen Entschluss mitzuteilen.
Das Mädchen war einverstanden, und der Jüngling machte sich auf den Heimweg und holte sich Rat beim frommen Einsiedler St. Jakob. Dieser gab dem Jäger ein Kreuz, das er in der Rocktasche verbergen konnte, mit und sagte ihm: «Wenn du in der Höhle der Hexe und dem Teufel gegenüberstehst, ziehe dieses Kreuz aus der Tasche und halte es ihnen vor und sprichst die drei höchsten Namen aus.»
Als der Jäger nach zwei Tagen die Höhle betrat, war schon der leibhaftige Widersacher dort im Sinne, eine Ehe in seinem Namen schliessen zu können.
Auf die Frage der beiden, ob er sich entschlossen hätte den Bund einzugehen, griff der Jüngling in die Tasche und hielt den beiden aus der Unterwelt das Kreuz vor und sprach in den drei höchsten Namen die ewige Verdammnis über die Schwarze Madrisa aus. Unter Schreien und Fluchen verzogen sich der Teufel und seine Untergebene in das Innere des Bergmassives. Erleichtert hatte der Jäger die Höhle verlassen, und seine Seele war gerettet. Bald aber umhüllten schwarze Wolken das Bergmassiv. Ein entsetzliches Gewitter mit vielen Blitzschlägen umtobte den weissen Berg. Die anderen Berge aber in der Runde wurden von hellem Sonnenlicht übergossen. Als sich das Gewitter verzogen hatte, war der weisse Berg in schwarz getaucht und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben.
Das ist aber auch der Grund, dass der Berg die Schwarze Madrisa genannt wird.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters1982, © J. Vetsch.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch