Die Sage um den Namen Albeina
Vor alter Zeit, als sich die Saaser Alp noch nicht im Besitz der Gemeinde Saas befand, hirtete ein Vater mit seinen drei erwachsenen Söhnen und der 18jährigen Tochter die Kühe seines eigenen Viehbestandes sowie von einigen Bauern aus dem hinteren Prättigau auf dieser Alp. Zu jener Zeit wurde die Saaser Alp allgemein «Die weisse Alp» genannt, was von dem weissen Gestein herkommen dürfte, das auf dieser Alp zu sehen ist. Albeina, so hiess das Mädchen, trug weissblondes Haar. Sie war sehr fleissig und sittsam und verstand sich gut auf die Zubereitung von Butter und Käse. Neben der Verarbeitung der Milch oblag Albeina auch noch die Pflicht, für das leibliche Wohl der Männer zu sorgen. Eines Tages, es ging gegen Mitte Sommer, entlud sich über der Alp ein kräftiges Gewitter. Albeina war in der Hütte beim Käsen beschäftigt, als der Blitz in die Hütte schlug. Kurze Zeit später trat der Vater mit seinen Söhnen in die Sennhütte, wo sie das Mädchen bewusstlos am Boden liegend fanden.
Als man sie auf ihr Lager getragen hatte, erwachte Albeina aus ihrer Bewusstlosigkeit, doch mit Schrecken stellte man fest, dass beide Beine und der linke Arm des Mädchens gelähmt waren. Mit allerlei Kräutern und Wurzeln machte man der Gelähmten Umschläge, doch wollte sich keine Besserung einstellen. So beschloss man, aus dem Kloster St. Jakob einen Mönch zu holen, der als Heilpraktiker in der Umgebung einen guten Ruf genoss. Ärzte gab es in der damaligen Zeit noch keine in dieser Gegend. Zwei Tage nach dem Unfall traf der Mönch auf der Alp ein, um sich seiner Patientin anzunehmen. «Es wird sehr schwierig sein», äusserte sich der Sachkundige, «hier eine völlige Heilung der durch den Blitz verursachten Lähmung zu erzielen.» Mit Mitteln, die er für solche Fälle für angezeigt hielt, versuchte der Mönch eine Woche lang seine Heilkunst. Leider stellte sich aber keine Besserung der Verunfallten ein. Eines Tages sagte der Vater zu seiner gelähmten Tochter: «Es wird besser sein, wenn wir dich ins Tal hinab zur Mutter bringen, wo du eine bessere Pflege hast als bei uns hier auf der Alp.» Albeina aber bestand darauf, auf der Alp zu bleiben. Sie erzählte, wie ihr in der vergangenen Nacht die Alpenkönigin Alpina erschienen sei und ihr eine völlige Heilung versprochen habe, wenn sie an diese Heilung glaube. Die Heilung würde eintreffen, bevor der erste Schnee auf der Alp fallen werde. «Alpina, die Alpenkönigin, ist mir wirklich erschienen», fuhr das Mädchen fort, «denn sie trug eine Krone aus Bergkristall und Edelweiss.» «Ja, mein liebes Kind», meinte der Vater, «dir hat es wohl von der Alpenkönigin geträumt, aber auf Träume kann man sich nicht verlassen!» Albeina bestand darauf zu bleiben, da eines Tages die Alpenkönigin kommen würde, um sie zu heilen. So wurde der Kranken ihr Wille gelassen. Vater wie Brüder gaben sich alle Mühe, das Mädchen so gut wie möglich zu pflegen. Als die Alpzeit zu Ende ging, war immer noch kein Wunder geschehen. Der Vater versuchte, seine gelähmte Tochter zu bewegen, mit ihnen nach Hause zu gehen. Aber das Mädchen wollte davon nichts wissen. «Noch ist der erste Schnee nicht gefallen. Meine Retterin wird sich bestimmt einstellen.» Wenige Tage später zog der Vater mit zwei seiner Söhne und den Kühen ins Tal hinunter. Der jüngste Sohn musste auf der Alp bleiben, denn man konnte Albeina nicht allein lassen.
Neben der Betreuung seiner Schwester vertrieb sich der auf der Alp gebliebene Bruder seine Zeit mit Holzrüsten im Alpwald. An schönen, sonnigen und warmen Tagen trug er seine kranke Schwester ins Freie, wo sie sich an der Schönheit der herbstlichen Natur erfreuen konnte. Herrlich zeigten sich die Wälder an den Berglehnen in ihrem bunten Farbenschmuck, doch Alpina, die Königin der Alpen, liess noch immer auf sich warten.
Der Bruder hatte Holz genug gerüstet für die nächste Alpzeit. Eines Tages, gegen Mitte Christmonat, ging der Jüngling ins Tal hinab, um Lebensmittel für ihn und die Schwester zu holen. Auf Rat der Eltern nahm er ein Pferd mit sich auf die Alp, einesteils um das Holz aus dem Alpwald hinauf zur Hütte zu führen und anderenteils um die Gelähmte nach Eintreffen des ersten Schnees ins Tal zu transportieren. Er, die Eltern und Brüder glaubten an kein Wunder. Herrlich waren die vorweihnächtlichen Tage auf der Alp. Während im Tale unten Nebelschleier sich zu einem weissen Teppich formten, genoss man da oben noch die wärmenden Strahlen der Sonne.
«Glaubst du eigentlich immer noch an das Wunder?» fragte der Bruder eines Abends seine Schwester. «Ich bin davon überzeugt wie am ersten Tage, nachdem mir Regina Alpina — wie die Alpenkönigin auch genannt wurde — erschienen ist», gab ihm seine Schwester zur Antwort. Am Tage des Heiligen Abends begab sich der Bruder in den tiefer gelegenen Wald, um einen Christbaum zu schneiden, denn er wollte seiner gelähmten Schwester eine Freude machen, indem sie auch hier oben das Christfest mit einem einfach geschmückten Tannenbäumchen feiern sollten. Kerzen und etwas einfachen Schmuck hatte er bereits bei seinem letzten Besuch im Tal mitgenommen. Nach einem einfachen Nachtmahl schmückte der Bruder den Tannenbaum und zündete die Kerzen an. In stiller Andacht gedachten die beiden Geschwister der Geburt unseres Herrn und Heilandes. Plötzlich ging die Türe der Hütte auf, herein trat eine schöne Jungfrau, die auf ihrem Kopfe eine Krone aus Bergkristall und Edelweiss trug. Der Bruder war sprachlos vor Erstaunen und glaubte an die heilige Jungfrau. Albeina aber rief: «Alpenkönigin, liebe Alpenkönigin, du bist also gekommen!» «Ja, Albeina, ich bin gekommen, weil du den Glauben an mich nicht verloren hast», gab ihr die Alpenkönigin zur Antwort. «Nun aber Albeina, steh auf! Du bist gesund und wirst dich noch eines langen Lebens erfreuen können.» Nach diesen Worten erhob sich das Mädchen von seinem Lager, als ob nie zuvor eine Lähmung bestanden hätte. Mit ergreifenden Worten und unter Freudentränen dankte Albeina für die wunderbare Heilung.
Auch der noch immer sprachlose Bruder versuchte, der Alpenkönigin zu danken. Diese aber wehrte ab und erwiderte: «Du hast eine liebe und gläubige Schwester, die du treu gepflegt hast. Dir sei dafür ein langes und ungetrübtes Leben beschieden.» Langsam ging die Alpenkönigin gegen die Tür zu. Dort wandte sie sich noch einmal um und sprach: «Zu Ehren von dir Albeina, soll diese Alp hier fortan Albeina heissen.» Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, war die wunderbare Erscheinung aus der Hütte verschwunden. Es aber ertönte mit hundertfachem Echo dreimal der Ruf «Albeina» über die stille Alp.
Albeina dürfte die «Weisse» heissen, was nicht schlecht zu dem weissen Gestein dieser Alp passt.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch