Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Casanna und Gauder

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Vor vielen hundert Jahren hirtete auf der heutigen Alp Casanna ein junger Bursche aus dem Fondei seines Vaters Kühe. Der Jüngling trug den Namen Gauder, war nicht gerade von grossem Wuchs, jedoch hatte er eine kräftige, gesunde Natur, was ihm bei den Unbillen der Witterung sehr zustatten kam. Er hatte etwa zwölf Kühe zu besorgen, und da er dies allein tat, schenkte er der übertragenen Arbeit seine volle Aufmerksamkeit. Ob die Alp damals Gauders Vater, der im Fondei drüben als angesehener Bauer galt, gehörte, weiss man heute nicht mehr. Es steht nur fest, dass die Alp den heutigen Namen Casanna noch nicht hatte. Schermen (Stallungen) gab es zu dieser Zeit auf der Alp noch keine. Lediglich eine kleinere Alphütte, die für die Zubereitung von Butter und Käse eingerichtet war und der Unterkunft für den Hirten diente, war vorhanden. So etwa Mitte Juni bis Mitte September war Gauder mit den Kühen seines Vaters dort. Besuch hatte er vom Frühsommer bis im Herbst sehr wenig. Hin und wieder kam eines seiner jüngeren Geschwister aus Fondei mit den nötigsten Lebensmitteln, wie Brot und Hafer sowie Salz für die Kühe und den Hirten. So war denn auch sein Tagewerk mit Arbeit reichlich ausgefüllt. Jeden Tag musste er die anfallende Milch zu Butter und Käse verarbeiten und zudem sich das nötige Hüttenholz rüsten, das er sich aus den tiefer gelegenen Waldungen mit einem Kuhgespann zur Hütte hinauf schaffte. Schnell gingen die Sommer dahin, und Gauder, der mit seiner Arbeit auf der Alp seine volle Zufriedenheit fand, war nun schon dreissig Jahre alt geworden.

Nach einem strengen Winter mit einem etwas verspäteten Frühling bestellte Gauder anfangs Juli wieder seine Alp. Am zweiten oder dritten Abend seiner neuen Alpzeit sass er in der Abenddämmerung vor seiner Alphütte, um sich von der Arbeit des Tages etwas zu erholen. Wie er so seinen Gedanken nachging, bemerkte er, dass talauswärts eine weibliche Person auf seine Hütte zukam. Beim Näherkommen der Fremden stellte er mit Erstaunen fest, dass es sich um ein junges, erwachsenes Mädchen handelte. «Was in aller Welt führt denn zu so später Stunde diese Jungfrau hierher», entschlüpfte es seinen Lippen.

Mittlerweile war die Fremde bei der Hütte angekommen und grüsste Gauder freundlich mit einem etwas fremdländischen Akzent. Gauder erhob sich und begrüsste das Mädchen mit einem herzlichen «Willkommen bei mir». Es war ihm nicht entgangen, dass es sich um eine ausgesprochene Schönheit handelte. Neben schönen gleichmässigen Gesichtszügen mit tiefschwarzen Augen trug sie das naturgewellte Haar in zwei starken Zöpfen um den Hinterkopf gebunden. Aber nicht nur die Schönheit des Kopfes machte Eindruck auf den Hirten. Ihre graziöse Körperhaltung mit den wohlgeformten Gliedern beeindruckte ihn nicht minder. «Ich möchte fragen, ob ich hier ein Nachtlager haben könnte», wandte sich die Schöne an Gauder. «Selbstverständlich kannst du hier bei mir nächtigen, aber vorerst will ich dir noch einen Imbiss bereiten, du wirst wohl hungrig sein.» «O, wie danke ich dir für deine Gastfreundschaft», erwiderte die Jungfrau, indem sie Gauder aus ihren schönen Augen dankbar ansah. «Darf ich fragen, was dich hierhergeführt hat und von wo du bist und kommst?» «Ja, ich komme aus Bergamo und heisse Casanna. Zuhause bin ich mit meinen zwei Schwestern Vereina und Vernela weggezogen, um Arbeit zu finden. Meine zwei Schwestern haben sich da hinten im Tal bei einem Bauern verpflichtet, doch für mich hatte er keine Arbeit. So bin ich denn auf der Suche nach einer Stelle hierher gekommen.» Gauder, der inzwischen Milch, Brot und Käse für seinen Gast aufgestellt hatte, fragte Casanna ohne lang zu überlegen, ob sie denn nicht bei ihm bleiben würde. Arbeit gebe es da ja für zwei, und mit der Entlöhnung werde man sich sicher einig werden. Das Mädchen willigte aber nicht sofort ein, sondern meinte, es müsse sich das noch überlegen und würde ihm morgen Bescheid geben. Während die Fremde sich an Milch, Käse und Brot stärkte, richtete Gauder ihr sein eigenes Nachtlager her. Er beschloss, in der Vorhütte auf einem Bärenfell zu schlafen, denn er konnte doch nicht sein Nachtlager mit einer fremden Jungfrau teilen, die er bis jetzt kaum flüchtig kennen gelernt hatte.

Als sich Casanna an der einfachen Mahlzeit gestärkt hatte, entnahm sie einem Sack, in dem sie ihre Habseligkeiten mitführte, ein Kruzifix, stellte es auf den Tisch und dankte Gott für Speis und Trank. Ebenso erbat sie den Segen für die kommende Nacht. Da das Mädchen sichtlich müde war, unterliess es Gauder, weitere Fragen zu stellen und gab zu bemerken, dass man sich zur Ruhe hinlegen könnte. Casanna meinte, er solle nun in sein Schlafgemach gehen, sie könne wohl in der Vorhütte auf dem Bärenfell schlafen. Gauder gab ihr zur Antwort, dass er am Morgen früh aufstehen müsse, um die Kühe zu sammeln, und da passe es ihm besser, wenn er in der Vorhütte schlafe. «Übrigens ruhe dich am Morgen nur gut aus, es hat ja alle Zeit, bis ich mit Melken fertig bin.» Nun wünschten die beiden einander eine gute Nacht und legten sich schlafen. Gauder, der den Schlaf nicht finden konnte, musste immer wieder an das fremde Mädchen denken und quälte sich mit den Gedanken, sie würde wohl nicht bei ihm bleiben. Es wird mein Äusseres sein, wenn sie mich wieder verlässt, meditierte er mit sich selbst. Allerdings machte der Bursche auf das zarte Geschlecht nicht grossen Eindruck in Bezug auf männlichen Charme. Es fehlte ihm das Mundwerk, um die Mädchen für sich zu gewinnen. Meistens war es ja so, dass wenn man es den Weibersleuten gut angeben konnte, das Äussere eines Burschen keine grosse Rolle spielte. Als der Hirte endlich eingeschlafen war, hatte er einen eigenartigen Traum. Oben im Bergmassiv, das über der Alp thront und heute Casanna heisst, sah er das Bild des fremden Mädchens in überdimensionaler Grösse, wie von einem Bildhauer in den Fels gemeisselt. Ihr schönes Gesicht wurde vom Schein der untergehenden Sonne in goldenes Licht getaucht, und um den Kopf war ein Kranz aus Edelweiss gelegt. Den rechten Arm hatte sie erhoben, und es schien dem Träumenden, als wolle sie damit den Segen über die Alp ausbreiten. Plötzlich wurde das steinerne Bildnis lebendig, und es schien ihm, sie winke ihm zu und mache Anstalten, zur Hütte herunter zu steigen. Auf einmal wurde Bauder wach und bemerkte, dass ihm der Schweiss über die Stirne rann. Es dauerte nicht lange, so war es Zeit aufzustehen, um nach den Kühen zu sehen.

Während er sich mit der alltäglichen Arbeit beschäftigte, waren seine Gedanken stets mit dem fremden Mädchen und dem Traum, den er von ihr hatte, beschäftigt. Eben wollte er den Melkeimer in der Hütte holen, da staunte er nicht wenig als er Casanna in der Vorhütte beim Feuer machen vorfand. «Guten Tag Gauder», begrüsste sie ihn, «ich habe es mir überlegt. Ich werde bei dir hier auf deiner Alp bleiben.» Gauder hätte sie bei diesen Worten am liebsten in seine Arme genommen, aber er wusste nicht, wie sie das aufgefasst hätte. Immerhin gab ihr sein strahlender Blick zu verstehen, dass sie einem Menschen eine Freude bereitet hatte. In den nächsten Tagen und Wochen zeigte es sich, dass Casanna nicht nur leibliche Vorzüge besass. Sie verstand es vortrefflich, mit den Arbeiten einer Alpwirtschaft fertig zu werden. Sie zeigte Gauder, wie man einen vortrefflich guten Käse zubereiten konnte. Alle Arbeit ging ihr wie am Schnürchen aus der Hand. Überdies hatte sie grosse Kenntnis und Erfahrung im Sammeln und der Anwendung von Heilpflanzen. Einer Kuh, die schon einige Zeit an einer Euterentzündung gelitten hatte, brachte das Mädchen sofort Linderung und Heilung. In der Hütte herrschte eine vorzügliche Ordnung, und die Zubereitung der Speisen setzte bei Gauder Bewunderung und Anerkennung ab. Es war leicht verständlich, dass die Zuneigung Gauders zu Casanna immer grösser wurde, aber zu einer Liebeserklärung seitens des Burschen war es immer noch nicht gekommen. Oft schon hatte er sich vorgenommen, dies zu tun, aber er hatte den Mut und die Kraft dazu noch nicht gefunden.

Eines Tages sah er seinen alternden Vater auf die Hütte zukommen. Mit gemischten Gefühlen erwartete ihn Gauder, denn er wusste ja nicht, wie der Vater auf die Anwesenheit seiner schönen Gehilfin reagieren würde. Sicher musste der Vater durch die jüngere Schwester, die mit Lebensmitteln letzthin da gewesen war, unterrichtet worden sein. Es war nämlich das erste Mal, dass sich der Vater hier blicken liess.

Entgegen den Befürchtungen von Gauder machte Casanna auf den Vater einen sehr guten Eindruck. Er war erstaunt über das schöne Mädchen und dessen Arbeitsleistung. «Wie wäre es», meinte er, sich an die beiden wendend, «könnte Casanna einige Tage zu uns nach Fondei kommen? Wir würden dort ihrer Hilfe sehr bedürfen, da die Mutter gegenwärtig krank ist und der Bettruhe bedarf.» Gerne willigte Casanna ein, mit dem Vater nach Fondei zu gehen, damit man dort ihre Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Noch am selben Nachmittag ging das Mädchen mit Gauders Vater nach dem benachbarten Fondei und versprach Gauder, sobald als möglich wieder zu kommen. In den nächsten Tagen sehnte sich der Hirte sehr nach seiner Gehilfin. Sie fehlte ihm überall. Zeitweilig wurde es ihm ganz traurig ums Herz, wenn er sich vorstellte, sie würde nicht mehr zurückkommen. An manchen Tagen ging er auf den grünen Berg, den heutigen Gauder, um Ausschau zu halten, ob er das Mädchen vielleicht auf ihrem Rückweg zur Alp sehen könnte. Je länger die Abwesenheit Casannas dauerte, desto häufiger stieg er auf den erwähnten Berg. Etwa vierzehn Tage nachdem Casanna die Alp mit dem Vater verlassen hatte, sah er vom Berge aus, dass jemand das Fondeital herauf kam. Einige Zeit später konnte es ihn nicht mehr täuschen, es war Casanna, die da unten heraufkam. Freudig eilte er ihr entgegen. Als er mit ihr beim Grünsee zusammentraf, verliess den Burschen den Mut nicht mehr, seine Geliebte in die Arme zu schliessen. Casanna erwiderte seine Gefühle und versprach ihm, seine Frau zu werden. Gauder war zwar traurig, als sie ihm sagte, sie müsse vor der Verheiratung noch einmal zurück nach Bergamo, um ihre Eltern davon zu unterrichten und für die Heirat mit Gauder die Erlaubnis zu erhalten. Einige Tage vor der Alpentladung machte sich Casanna auf ihren Heimweg mit dem festen Versprechen an Gauder, dass sie im Frühjahr für immer zu ihm zurückkehren würde. Gauder begleitete sie noch ein Stück auf ihrem Heimweg und nahm, in der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen im Frühling, Abschied von seiner Braut. Als der Frühling wieder Einzug im Tal hielt und Gauder Mitte Juni mit seinen Kühen auf die Alp zog, erwartete er sehnlichst die Ankunft der geliebten Braut. Leider aber wollte es das Schicksal anders. Eines Tages, es war schon in den ersten Tagen des Monats Juli, kam ein schöner Jüngling auf die Alp. Er stellte sich als Casannas Bruder vor. Unter dem Eindruck sichtlicher Traurigkeit teilte er Gauder mit, dass seine Schwester im Winter an den Folgen der Pestilenz gestorben sei. Er habe ihr auf dem Totenbett noch versprechen müssen, Gauder, ihrem Bräutigam, einen letzten Gruss zu bringen. Von da an war Gauder ein gebrochener Mann. Er konnte den Verlust seiner geliebten Casanna nicht verschmerzen. Als er im kommenden Herbst mit seinen Kühen nach Fondei ziehen wollte, erlag er einem Schlaganfall am Fusse des Berges, wo er im vergangenen Sommer Ausschau nach Casanna gehalten hatte. Seit jener Zeit aber heisst dieser Berg Gauder und das ihm gegenüberliegende Bergmassiv Alp Casanna.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch.

 Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch