Mutabor Märchenstiftung

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Die Sage vom Steinmännli

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Vor vielen Jahrhunderten wohnte auf dem Berg, der heute Casanna heisst, eine Jungfrau, die den Namen des Berges trug. Anmutig von Gestalt und edel von Gesinnung, zog sie die Blicke eines jungen Hirten von Casanna-Alp auf sich. Er beobachtete das Mädchen, wenn es auf den Alpweiden nach seltenen Kräutern forschte. Immer häufiger wusste er es einzurichten, dass ihre Wege sich kreuzten, bis er eines Tages dem Mädchen seine Liebe gestand. Der schmucke Hirte gefiel Casanna, so dass sie überein kamen, im Herbst zu heiraten.

Im Innern des Berges befand sich eine Goldkammer, in welcher unschätzbare Stücke aufbewahrt waren. Nur Casanna hatte Zugang zu dieser Kammer. In ihrem blinden Vertrauen in den Hirten führte sie ihn in die geheimnisvolle Schatzkammer und schenkte ihm als Zeichen der Verlobung einen goldenen Ring, in den zwei Edelsteine eingelassen waren.

Zu dieser Zeit besorgte auf der «Totalp», nicht weit von Casanna entfernt, eine sündhafte Sennerin ihr Habe. Sie verstand es, den jungen Hirten von Casanna an sich zu ziehen, indem sie ihn ihrer Liebe versicherte. Habgierig und verschwenderisch, brachte sie den schwachen Burschen dazu, ihr das Geheimnis um die Goldkammer auf Casanna zu verraten und ihr Geschmeide aus dem Schatz zu bringen. Immer weiter drang sie in den Ungetreuen, ihr neue Kleinodien zu bringen.

Als Casanna eines Tages weit unten auf der Alp nach Kräutern suchte, stieg er in die Schatzkammer. Er erblickte an einer Wand eine goldene Kuhglocke, die ihm bis jetzt noch nie aufgefallen war. Das war ein Geschenk für seine Geliebte von der «Totalp». Als er die Glocke bewundernd in der Hand hielt, fing sie an zu läuten, immer lauter und wollte nicht mehr verstummen. Weit über die Alp ertönte ihr Klang.

Als Casanna ausser Atem in der Höhle anlangte, sah sie den falschen Bräutigam mit der goldenen Glocke in der Hand. Diese hatte aufgehört zu läuten, erzählte jetzt aber das Verhältnis des Hirten mit der Sennerin von der «Totalp». Casanna erbleichte. Sie ergriff einen goldenen Zauberstab, jagte den Hirten zur Kammer hinaus. Die Sonne stand genau zur Mittagszeit über der Bergspitze. Dort wo heute das Steinmännli steht, erhob Casanna den goldenen Stab und sprach zum Hirten: «Für deine Untreue sollst du zu Stein werden.» In diesem Augenblick verdunkelte sich der Himmel. Ein Gewitter mit Blitz und Donnerschlag zog über den Berg. Als sich das Gewitter verzogen, stand an Stelle des ungetreuen Hirten ein Steinmann. So steht der versteinerte Liebhaber seit Urzeiten oben neben dem «Mittagsstein», wie der Berg Casanna von den Einheimischen genannt wird.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch