Goldenes Wasser
Vor vielen Jahren hütete auf Gotschna ein armer Knabe die Ziegen von Serneus. Er war mit seinen dreizehn Jahren der älteste unter vier Geschwistern. Schon mit zehn Jahren hatte er seinen Vater verloren, der beim Holzfällen ums Leben gekommen war. So wollte es das Schicksal, dass die Mutter, eine schwächliche Frau mit vier Kindern, allein zurückblieb. Wer zu jener Zeit vom Schicksal getroffen wurde, hatte es nicht leicht, sich im Leben zurecht zu finden. So kam es denn auch, dass Hans mithelfen musste, den Unterhalt der Familie zu verdienen. Verdienen war wohl schon etwas viel gesagt. Die Mutter musste froh sein, dass der Knabe sein tägliches Brot nebst Kleidern und Schuhen als Lohn für das Hüten der Ziegen bekam. Den ganzen Sommer hindurch trieb er die Ziegen hinauf nach Gotschna, und abends brachte er sie wieder ins Dorf hinunter.
Jeden Mittag verzehrte er seine einfache Mahlzeit, die meistens nur aus einem Stück Brot und Käse bestand, beim Goldbrünneli. An dieser Quelle stillte er den Durst. Wenn er noch etwas übrig hatte von seiner Mahlzeit, nahm er es mit nach Hause und verteilte es unter seine drei jüngeren Schwestern. Als er eines Abends, es ging schon gegen den Herbst hin, heimkam, hatte die Mutter kein Feuer im Herd und war auch nicht in der Küche. Er fand sie in der Stube auf dem Ruhebett. Er merkte bald, dass sie krank war und Fieber hatte. Schnell machte er sich daran, einen Tee zu kochen. Er glaubte, dass ihr damit geholfen werden könnte. Am anderen Morgen stand er früher als sonst auf, um für seine Geschwister und die Mutter das Frühstück zu bereiten. Die Mutter glaubte, dass sich ihr Zustand etwas gebessert habe, doch am Abend lag sie wieder geschwächt darnieder. Damals gab es keinen Arzt, den man hätte rufen können, und so entschloss sich der Knabe, den Pfarrer herbei zu holen, der etwas von Medizin verstand. Der gute Herr merkte bald, wie es um die kranke Frau stand. Seine Diagnose lautete auf Schwindsucht. Aber er tröstete den Knaben. Er hoffe, dass man der Mutter helfen könne. Die Frau des Pfarrherrn übernahm die Pflege der Kranken. Sie sorgte dafür, dass kräftigere Speisen auf den Tisch kamen. Aber trotz der guten Pflege der Frau Pfarrer und anderer Frauen aus dem Dorf, musste Hans feststellen, dass es mit seiner armen Mutter, an der er sehr hing, immer schlimmer wurde.
Als er wieder eines Tages beim Goldbrünneli sein Mahl einnahm, dachte er an die kranke Mutter. Es überkam ihn zum ersten Mal die Angst, dass sie sterben könnte. Was sollte er dann machen, wenn er allein mit seinen drei jüngeren Schwestern zurückblieb? Sich mit diesen Gedanken beschäftigend, fing der Knabe heftig zu weinen an. Wie er so weinte und schluchzte, hörte er plötzlich hinter sich eine freundliche Mädchenstimme sagen: «Was weinst du so, und was fehlt dir?» Erschrocken drehte er sich um. Vor ihm stand ein schönes Mädchen, das etwas älter als er sein mochte. In der rechten Hand trug es ein Krüglein aus Ton, während die linke Hand einen Stab hielt, der, wie es dem Knaben schien, vergoldet war. Erschrocken über diese Erscheinung brachte er zuerst kein Wort heraus. Er konnte sich auch nicht erinnern, dieses Mädchen irgendwo gesehen zu haben. «Ich komme, um dir zu helfen», fuhr das Mädchen fort. «Du brauchst keine Angst zu haben. Ich heisse Gotschna.»
Jetzt erzählte Hans dem Mädchen von seiner kranken Mutter und dass es ihr immer schlechter gehe. Da der Vater schon gestorben sei, habe er grosse Angst, die Mutter auch noch zu verlieren. «Habe keine Angst, du wirst die Mutter nicht verlieren, wenn du tust, was ich dir sage.» Nach diesen Worten klopfte das Mädchen mit dem vergoldeten Stab dreimal ob der Quelle auf den Boden, und siehe, da kam nicht mehr kristallklares, sondern goldfarbiges Wasser heraus. Es füllte das Krüglein mit dem Goldwasser, klopfte abermals dreimal mit dem Zauberstab auf den Boden, worauf wieder gewöhnliches Wasser aus der Quelle floss. «Das goldene Wasser im Krüglein nimmst du mit dir nach Hause, pass aber auf, dass du davon nichts verschüttest oder gar das Krüglein zerbrichst, denn ein zweites Mal kann ich dir den Krug nicht mehr füllen. Von diesem Goldwasser gibst du deiner kranken Mutter jeden Abend einen Esslöffel voll, worauf sie in zehn Tagen wieder gesund sein wird.» Herzlich bedankte sich der Knabe beim Mädchen «Gotschna», doch wie es gekommen, so war es verschwunden. Sorgfältig, wie ihm aufgetragen war, brachte er das Goldwasser nach Hause und erzählte der kranken Mutter, die kaum mehr die Augen aufschlagen konnte, von dem, was er heute erlebt und mitgebracht hatte. Er gab der Kranken einen Esslöffel voll von dem Goldwasser. Kaum hatte die Patientin die Medizin genommen, besserte sich ihr Zustand. Nach fünf Tagen konnte sie das Bett verlassen und wie «Gotschna» vorausgesagt, war die Frau am zehnten Tage völlig geheilt.
Es war ein Wunder geschehen, das vier armen Kindern ihre todkranke Mutter hatte gesund werden lassen. Da das Krüglein nach der Heilung der Mutter noch halb voll von dem goldenen Lebenselexier war, wurde es sorgfältig aufbewahrt. Eines Tages hörte ein reicher Kaufmann, dessen Frau an der Schwindsucht litt, von dem Goldwasser, das Wunder gewirkt hatte. Mit letzter Hoffnung kam er nach Serneus, um zu erfahren, was an der Sache wahr sei. Er erhielt das restliche Wasser vom Goldbrünneli, und auch seine Frau wurde in kurzer Zeit vollständig geheilt. Zum Dank schenkte der reiche Mann der armen Familie Geld, wie es der reichste Bauer im Dorf nicht besass.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch