Mutabor Märchenstiftung

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Die Buche und die Schlange

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

Auf den Anhöhen der Casanna wohnte einst ein mächtiger, doch letztlich wohlwollender Berggeist. Im Felsinnern hortete er viele Reichtümer, die er mit Donner und Blitz wohl zu verteidigen und zu mehren wusste. Die Wälder fürchteten sich vor seinen Lawinen, die Tiere flohen vor seinem launenhaften Steinschlag, und als die Menschen das Prättigau besiedelten, ersorgten sie seine unberechenbaren Wildwasser und Erdrüfen. Doch gelang es den Talbewohnern, in mühseligen Verbauungsarbeiten je länger desto wirkungsvoller die Naturgewalten des Berggeistes zu bändigen. Als dieser merkte, wie ihm die Menschen immer mehr zusetzten, beschloss er, sich in das ferne Reich der Götter zurückzuziehen. Bevor er jedoch die Casanna verliess, versenkte er im Talgrund seine kostbarsten Kristalle. Dort liess er die Kostbarkeiten durch die Schlange, seinen treusten Diener der Unterwelt, bewachen. «Wem es gelingt», so sprach er, «bis zu den Kristallschätzen vorzudringen, der soll für seinen Mut und seine Kraft belohnt werden. Dem soll Nutzen an Leib und Seele widerfahren.» Die Schlange nahm ihre Aufgabe ernst und bewachte beharrlich die Kostbarkeiten. Näherte sich ein Feind, zischte sie und warnte ihn mit bedrohlichen Blicken; wurde sie angegriffen, spie sie Gift und Feuer. So blieb der Schatz über Jahrhunderte unversehrt. Da kollerte einst ein unscheinbares Buchnüsschen in die Nähe der Schlange und verfing sich im Gras. Übers Jahr entfaltete sich aus dem Samen ein zartes Pflänzchen, die feinen Wurzeln fanden im Humus Halt, und die Blättchen kehrten sich der freundlichen Sonne zu. Der Sämling blieb von der Wächterin unbehelligt, während der Winterszeit schlief die junge Buche geschützt unter dem mächtigen Schneepelz und erwachte im Frühling zu neuem Wachstum. Bald schon griffen die Wurzeln kräftiger ins Erdreich, und die Zweige streckten sich erwartungsvoll dem Licht zu. So verflossen Jahrzehnte, und die Buche konnte bereits über den nahen Fluss in das weite Tal sehen. Die Schlange beachtete den Baum kaum, höchstens suchte sie Schutz im Schatten des Laubwerkes, wenn die Sonne gar zu heiss brannte und die Hitze unerträglich wurde.

Noch ein paar weitere Jahrzehnte, und der bescheidene Buchensämling war zu einem mächtigen Koloss herangewachsen. Im gewaltigen Kronendach vergnügten sich Vögel und Eichhörnchen, die Wurzeln aber drangen mit grosser Stärke in die Tiefe und näherten sich bedenklich dem Kristallschatz. Da endlich gewahrte die Schlange den gefährlichen Eindringling und erkannte Wurzelkraft und Zielstrebigkeit. Verzweifelt umkreiste sie den Baum und rief Wind und Sturm um Hilfe. Aber das zähe, harte Buchenholz hielt der Belastung stand. Auch Hitze und Dürre konnten der Buche nicht weh tun, denn das Wurzelwerk fand im tiefen Erdreich genügend Wasser und Nahrung. Als die Schlange Frost und Schnee sandte, da entledigte sich der Baum seiner Blätter.

Es kam der Tag, da erreichte die Buche den begehrten Kristallschatz. Mit einer letzten Anstrengung brachen die Wurzeln das Juwel entzwei, und alsbald sprudelte aus dem kristallenen Berginnern die Heilquelle hervor. Die Schlange musste sich in ihrer Ohnmacht in abgelegenere Täler zurückziehen. Einzig im Wahrzeichen der Ärzte taucht sie bisweilen auf und erinnert an die Heilkraft des Quellwassers. Die Buche schenkte die Schwefelquelle den Menschen zum Segen und blieb als Sinnbild des Lebens, der seelischen und körperlichen Entfaltung über ihr stehen. In ihrem Wurzelwerk fand die Nonne des nahen Frauenklosters anfangs des 15. Jahrhunderts die Serneuser Heilquelle.

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

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