Das Nebelmännlein
Von der Stutzalp im Vereinatal wird etwas ähnliches erzählt. Dort sind die Hirten darauf bedacht, dass jede Kuh ihren Teil Salz zu lecken bekommt. Denn sie müssen bei dieser Arbeit immer an das Nebel- oder Salzmännlein denken, das dort «regiert». Immer nämlich, wenn es schlechtes Wetter geben will, besonders, wenn im Sommer ein Schneefall bevorsteht, sehen die Hirten ein steinaltes Männlein mit grauem Bart die Alpweiden durchstreifen. Es ist gar altmodisch gekleidet, trägt einen breitrandigen Hut und Holzschuhe und hat eine Miettasche über die weisswollene Jacke gehängt. So erscheint es abends bei den Sennhütten, oft aber auch mitten am Tag unter dem Vieh und lockt es dann ganz in der Art, wie die Hirten rufen, wenn sie den Kühen Salz geben. Hat der Kleine eine Zeit lang seinen Lockruf vergeblich erschallen lassen — denn das Vieh hört niemals auf ihn — so verschwindet er mit verdriesslicher Miene, um bald anderswo wieder aufzutauchen. Zeitweise hört man ihn jauchzen und jodeln, bisweilen aber auch heulen und jammern. Am ehesten zeigt er sich bei trüber Luft, doch immer ungeahnt. Legt es jemand darauf an, den Geist zu erblicken, so bekommt er nichts anderes als eine dichte, weisse Nebelwolke zu Gesicht und trägt obendrein einen furchtbar geschwollenen Kopf davon.
Dieses Männlein war einstmals auf der Stutzalp Hirt, aber bestechlich. Er teilte dem Vieh das Salz nicht gerecht aus. Darum muss er hier geisten, bis seine Zeit gekommen ist und die Herde auf seine lockende Stimme hört, bis er also Gelegenheit findet, sein Unrecht wieder gutzumachen. Das mag freilich noch lange dauern. Denn kein Mensch hat je bemerkt, dass eine Kuh auf seinen Ruf auch nur die Ohren gespitzt hätte.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch