Die nächtlichen Sennerinnen
In der Küeh-Vereina hütete einst ein Schäfer seine Herde. Eines Abends vermisste er ein paar Schafe. Beim Suchen wurde er von der Dunkelheit überrascht, und er musste in der Hütte von Küeh-Vereina übernachten.
Um Mitternacht wurde er wach, da er jemanden aus dem Keller kommen hörte. Gleich erblickte er zwei geisterhafte, weibliche Gestalten. Sie beschäftigten sich nun damit, Feuer zu machen und zu käsen. Der Hirt fürchtete sich nicht. Er blieb ruhig liegen, schaute dem Ablauf der Ereignisse zu und harrte der Dinge.
Als die beiden nächtlichen Sennerinnen mit dem Käsen fertig waren, kam eines der Wesen zu ihm her und bot ihm vom frischen Käse und Ziger an. Aber der Schäfer wollte lieber nichts davon zu sich nehmen.
Am Morgen hielt er das Geschehene halbwegs für einen Traum. Dennoch kehrte er am Abend desselben Tages von der Höhe nach der Hütte zurück — aus Wunder, ob von dem frischen Käse und Ziger noch etwas vorhanden sei oder nicht.
Die Erscheinung war genau die gleiche wie in der vorigen Nacht. Da er auch diesmal die angebotene Speise ausschlug, jagten ihn die zwei Gestalten zur Hütte hinaus, wo er von einem ungeheuren Windstoss in Empfang genommen und weit fortgetragen wurde. Er schaute noch nach der Gegend hin, wo sich die Hütte befinden musste, und erkannte dort eine Helle, als ob die Hütte in vollem Brand stünde.
Am Morgen darauf näherte er sich abermals der Hütte und fand sie ganz leer. Von Geistern, von Käse und Ziger war keine Spur mehr zu entdecken.
J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch