Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der unschuldige Geist

Land: Schweiz
Kanton:
Region: Prättigau
Kategorie: Sage

In einem Haus in Klosters wohnte ein reicher, aber geiziger Bauer, der in ein recht hohes Alter kam. Einige Wochen nach seinem Tod hörte man in dem Zimmer, wo er seine Bücher und Schriften hatte, in der Nacht oft ein Gekritzel, als ob da jemand schreiben würde. Die Leute meinten bald, der Geizhals müsse nun auch noch nach seinem Ableben dort sitzen und schreiben — vielleicht Urkunden umschreiben, welche er gefälscht hatte.                                                                                               

Ein Abenteurer, den es nun doch Wunder nahm, was es mit dem seltsamen Gekritzel auf sich hatte, legte sich eines Abends in jenem Zimmer zu Bett. Nach einiger Zeit vernahm er wirklich das «Schreiben des Geistes». Er stand auf, zündete das Licht an, konnte jedoch niemanden sehen, und das Schreiben hatte plötzlich aufgehört. Nun suchte er alles durch, warf Bücher und Schriften und Hausgeräte durcheinander, fand aber nichts, was einem Geist ähnlich sein könnte. Nachdem er sich vergeblich abgemüht hatte, den Störefried zu entdecken, war er recht missmutig darüber, keinen Erfolg gehabt zu haben.

Bevor er das Bett wieder aufsuchte, wollte er zum mitgebrachten Schnaps ein Stück Brot essen. Wie üblich fand er dieses in der «Tisch-Trucke» (Schublade). Mit dem Brot zeigte sich zugleich der Geist - eine Maus, die sich einen Weg in die «Tisch-Trucke» gebohrt und dadurch das «Gekritzel» verursacht hatte!

J. Vetsch. Ds Goldbrünneli. Eine Sagensammlung aus Klosters und Umgebung. Klosters 1982, © J. Vetsch

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch